Mannwerdungsblog

Archive for the ‘Onychophagie’ Category


Wer kaut, der fragt sich möglicherweise früher oder später, warum er damit angefangen hat. Die Homöpathie hat ein Profil/Mittel, das dazu passt:

Ein Kennzeichen für das Mittelbild des Barium carbonicum ist es außerdem, wenn jemand ein zu geringes Selbstvertrauen aufweist. Die betroffene Person hat oftmals mit unterschiedlichen Ängsten zu kämpfen. Diese Menschen sind sich selbst so unsicher, dass sie sich immerzu und oft grundlos entschuldigen. Auch das Nägelkauen ist typisch.

Menschen, die Barium carbonicum benötigen, weisen oftmals eine sehr starke Schüchternheit auf. So kann beispielsweise beobachtet werden, dass betroffene Kinder sich häufig hinter ihren Eltern verstecken. Die Schüchternheit ist vor allem dann sehr stark, wenn der Betroffene mit fremden Personen zu tun hat oder diese einfach anwesend sind. Ein weiterer Fall der extremen Schüchternheit ist es, wenn der Mensch sich in einer Situation befindet, die ihm noch nicht bekannt ist.

Barium carbonicum Persönlichkeiten scheuen sich vor Veränderungen und bevorzugen es, dass das Bestehende so bleibt. Bei den Patienten ist außerdem zu beobachten, dass sie gegenüber ihren Bezugspersonen ein äußerst starkes Anlehnungsbedürfnis aufweisen.

Ein weiteres Kennzeichen für dieses Mittel aus dem Bereich der Homöopathie ist es, wenn die betroffene Person nicht dazu in der Lage ist, sich für Dinge zu entscheiden und stets eine starke Unentschlossenheit aufweist.

Kinder, zu denen Barium carbonicum passt, haben oftmals mit Problemen im Zusammenhang mit der Schule zu kämpfen. Sie benötigen äußerst viel Zeit für ihre Aufgaben und können sich kaum konzentrieren. Außerdem weisen sie eine hohe Vergesslichkeit auf.

via Homöopathie/homöopathisch

„Barium carbonicum“ wäre also ein mögliches homöopathisches Mittel. Die Schulmedizin tut das Thema gerne als ein Symptom für andere Symptome ab, wie dieser Forenbeitrag zeigt:

Hallo! Ich habe auch das problem das mein sohn nägelkaut aber er ist erst 3 jahre und macht das schon seit einem jahr ich hab alles versucht aber kann es ihm nicht abgewöhnen. mein kinderarzt sagt das komme da von das er hyperaktiv ist und daher auch sehr nervös aber ich bin am zweifeln, ich bekomme nicht hin das er damit aufhört…

Offenbar fragt sich niemand, woher es kommt, dass der kleine hyperaktiv ist. Im selben Thread findet sich aber immerhin auch eine weitere Antwort:

Homöopathie ist eine gute Möglichkeit, damit Kinder mit dem Nägelkauen aufhören. Oftmals steckt ein seelisches Problem dahinter und Homöopathie kann hier wieder alles in Balance bringen. Alle anderen Varianten verschieben das Problem meistens nur auf andere Bereiche. z.B. wird dann nicht mehr an den Nägeln gekaut, dafür werden aber alle Stifte in der Schule abgenagt. Oder aus dem harmlosen Nägelkauen wird Aggressivität o.ä. Wichtig ist zu wissen, dass es hier kein spezielles homöopathisches Mittel gegen das Nägelkauen gibt, sondern dass dein Sohn ganzheitlich behandelt werden muss, was sich aber auch auf andere Bereiche gleichzeitig positiv auswirkt. Viel Erfolg!

Hat jemand hier schon mal Erfahrungen mit Homöpathie gemacht und möchte seine Einschätzung dazu in den Kommentaren teilen?


Ein Leser hat mich auf ein Buch hingewiesen, in dem Nägelkauen behandelt wird. Es handelt sich um das Buch „Der Psychocoach 2 – Heilen ohne Medikamente“ von Andreas Winter. Auch wenn ich von seinem jovialen Schreibstil nicht begeistert bin und ich den Eindruck habe, Winter will sich an vielen Stellen einfach gerne selbst auf die Schulter klopfen, weil er „mal eben im Treppenhaus“ bei Bekannten etwas analysieren könne: Das (sehr kurze) Kapitel gibt einiges wieder, in dem ich mich selbst finden kann und das ich im Kern für zutreffend halte.

Winter skizziert das Kauen als Strategie, sich als „unbewaffnet“ zu zeigen und keinen Grund zur Kritik zu geben, die am Ende in Harmoniesucht mündet. Spürt der Kauende, dass eine „bewertende Fremderwartung“ an ihn gerichtet werden könnte, fühlt sich der „Nägelkauer“ seelisch unter Druck. Winter bringt noch einige Beispiele und erklärt den Zusammenhang recht anschaulich.

Der These kann ich vorbehaltslos beipflichten, die Situationen spielen sich immer in diesem Schema ab.

Die Lösungsvorschläge kommen leider zu kurz: Der Beispiel-Kauer will mit der Unterdrückung seiner Aggressionen zeigen, dass er kultiviert, makellos und unangreifbar sei, damit er in der Drucksituation perfekt funktioniert und keine Provokation erzeugt.

Auch dem kann ich noch zustimmen, für mich ist das in entsprechenden Situationen sehr ähnlich.

Ob es allerdings wie beim Beispiel-Kauer als Lösung reicht, sich die Nägel zu feilen, um zu zeigen, dass man kultiviert ist und nicht ein Provokateur, bezweifle ich. Und auch, dass damit die Bedürfnisse im Moment des Kauens erfüllt wären – oder die meist völlig irrationale projizierte Angst bewältigt.

Hier frage ich nach einer besseren Strategie, um die Drucksituationen zu bewältigen ohne zu kauen. Die Lust am Kauen und die Beruhigung dadurch ist sehr groß. Trotz aller Bewusstwerdung ist in der Situation die Beruhigung und das Abreagieren ein wichtiger Faktor. Aufstehen und mit Händen in der Hosentasche einen Spaziergang machen geht dann nicht immer.

Habt Ihr Strategien oder fällt Euch etwas ein, wie diese Drucksituation bewältigt werden kann und das innere Kind beruhigt wird, ohne kauen zu müssen? Schreibt dazu gerne einen Kommentar! Vielleicht können wir so gemeinsam noch bessere Lösungen finden.


Der Focus schreibt – zu sehr eingegrenzt auf Kinder – wie der Zusammenhang von Kauen und Psyche zu verstehen sein kann. Hier wird erklärt:

Aufgrund eines inneren oder äußeren Konflikts empfindet der Betroffene Handlungsbedarf, kann die an sich nötige Handlung aber momentan nicht ausführen – zum Beispiel aus Angst.

Dieser Satz hat mich angesprochen: Es gibt für Nägelkauende einen Antrieb zu Handeln, aber es spricht eine innere Instanz dagegen. Zum Beispiel Angst vor Versagen, vor Zurückweisung, vor Verlust. Oder auch Unlust, aber die Angst vor Konsequenzen. Es ist anzunehmen, dass dies mit Regeln der Eltern zu tun hat, die Betroffene in der Kindheit erlernt haben. Nicht umsonst zieht sich diese kindliche Handlung noch bis ins Erwachsenenalter. Sie ist eine Erinnerung daran, dass es noch immer altruistische Ängste gibt, die vor Verlust und Überforderung warnen.

Man nimmt sich die Krallen. Damit nimmt man sich die Möglichkeit, sich zu wehren, also mithin so zu handeln, dass man sich schützt. So bleibt man offen für den emotionalen Missbrauch, den man benötigt, weil das innere Kind noch glaubt, dass es den Verlust der Mutter/des Vaters nicht überleben würde.

Ich habe hier eine Umfrage erstellt, ich würde mich freuen, wenn Du hierzu beitragen möchtest. Entweder mit deiner persönlichen Erfahrung, der deines Partners oder anderen Person, die dir dazu einfällt.


Was ist die Eifersucht? Ein ganz subtiler Prozess, der viel beinhaltet, wie schon das NeueReligionWiki feststellt.

Für mich kommt dieses Gefühl ganz unangemeldet hoch. Wenn ich gerade einsam bin und in Gedanken bei ihr. Dann spielt Konkurrenz plötzlich eine große Rolle: Kann ich gegen einen anderen bestehen? Mache ich genug? Ist es ausreichend? Und dahinter steht schon wieder die Frage „Bin ich genug?“ Das reicht schon für die Selbstanklage .

Die Eifersucht ist ein Empfinden wie jedes andere, das unangemeldet heraufkommt. Es fühlt sich zwar unangenehm an, aber doch ist es harmlos, wenn man sich deswegen nicht anklagt und sich nicht in dieses Empfinden hineinsteigert. Eifersucht wird erst da mühsam, wenn sie auf den anderen projiziert wird und dem anderen die Schuld dafür gibt: „Du hast mich eifersüchtig gemacht.“ Das stimmt so nicht; die Eifersucht entspringt in einem selbst und verebbt wieder, wenn man sich bewußt macht, daß sie aus einer falschen Ausrichtung entspringt. Um die Eifersucht als etwas Neutrales ansehen zu können, sollte man sich bewußt machen, daß es immer um ein eigenes Fehlen von etwas geht. Man versucht dann irrtümlicherweise außen zu suchen, was innen fehlt.

Macht man sich die wahren Gründe der Eifersucht bewußt, so ist es möglich, daß sich die Eifersucht abschwächt und sogar für immer verschwindet.

Was passiert mit der Konkurrenz, woher kommt sie? Warum klage ich mich an?

Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang damit, dass sich Menschen als Ware sehen, die nicht unter Wert verkauft werden darf. Wie Produkte geht es zwischen den Geschlechtern also um die „Herstellung einer Distanz zum Zwecke der Wertsteigerung“ .  hier aus dem Blickwinkel von der Frau auf den Mann:

Je mehr er kämpfen muß, desto besser. Man darf es ihm nicht zu leicht machen, sonst „sinkt man im Wert“.

Am schlimmsten ist es, wenn der Mann auch noch an anderen Frauen interessiert ist und diese ebenfalls in Reichweite seiner Befriedigungsmöglichkeiten stehen: In diesem Fall läuft die Frau, die sich für besonders wertvoll hält (und welche tut das, allein schon um ihrer Würde und Selbstachtung willen, nicht?), Gefahr, wie ein überzähliges Produkt gegen Konkurrenzprodukte ausgespielt und damit auch schon wieder unangenehm entwertet zu werden. Wie heißt es doch: „Überangebot drückt den Preis.“ Das beste ist also, das Gesichtsfeld des Mannes verschmälert sich derart, daß er nur noch Augen für eine hat; noch besser ist es, wenn er sich unsterblich verliebt. So kann man ihm unbarmherzig die Daumenschrauben anlegen und ihn solange zappeln und wimmern lassen, bis er bereit ist, auf jegliche Forderung und Verpflichtung einzugehen. Der Raffinierte wird das natürlich nur zum Schein vortäuschen und damit sein Ziel eher erreichen als der Ehrliche, der schon endgültig durch die unerbittliche Vorprüfung fällt und sich dann auch noch aus Anständigkeit und Fairneß heraus vorzeitig geschlagen gibt.

Ein besonderer Nutzen in diesem „Spiel“ liegt in der Tatsache, daß sexuell entflammte Männer aufgrund der zunehmenden Verwirrung ihres Denkens und Fühlens eine besonders große Bereitschaft zeigen, auch noch die schwierigsten Hürden zu überwinden, um endlich ans Ziel ihrer Träume zu gelangen. Auch dieser Umstand erhöht wiederum den „Wert“ der betreffenden Frau. Würde sie sich auf sofortigen und freimütigen sexuellen Kontakt einlassen, so sänke dieser aber schlagartig. Der befriedigte Mann ist wesentlich weniger lenk- und erpreßbar; verliert die hormonelle Euphorie an Wirkung, dann sieht er sein weibliches Gegenüber zumeist mit nüchterneren Augen und ihm fallen dann auch die weniger hübschen und attraktiven Merkmale auf — was ihren Marktwert wiederum gefährlich herabsetzt. Also hält man ihn möglichst in einem ständigen Zustand der Überhitztheit und des sexuellen Überdrucks.

So kann die Frau die Macht erhlaten und muss sich selbst nicht über ihre eigenen Schwächen klar werden und sie annehmen. Hier schließt sich der Kreis zum vorzeitigen Samenerguss. Die Hingabe ohne Furcht und mit echter Offenheit wird so nahezu unmöglich.

Für die Frau ist das nicht anders, und das schlägt auf die Männer zurück:

Aufgeschlossenheit gegenüber mehreren Männern, vielleicht sogar völlig nach momentaner Lust und Laune, macht aus der Frau dann das Gegenteil einer „Dame“, und sie wird als schmierig, schmutzig, gewissenlos und liederlich angesehen. Aber soweit kommt es mit der durchschnittlichen Vertreterin der Weiblichkeit natürlich niemals, denn genau diese Bilder, die sich ihr manchmal aufdrängen, wenn sie von Männern umworben wird oder auch nur an sie denkt, wirken dann in all ihrer bedrohlichen Abschreckung auf sie ein und machen ihr klar, was sie auf keinen Fall tun darf — auch nicht ein einziges Mal, denn sonst verlöre sie ein für allemal vor sich und anderen den Nimbus ihrer Würde.

Selbst Männer fangen an, den Schwindel von der Ehrbarkeit der Unnahbaren zu verinnerlichen und gerade zu dieser Art Frau, die so viel scheinbaren Wert ausstrahlt, hinzustreben.

Weil die Sache so nicht klappt und niemals klappen wird, beginnt der Mann ein Leben der Ersatzbefriedigungen zu führen: teure Autos, schnelles Fahren, Geld, Prestige, Ehrgeiz, Macht, wirtschaftlicher oder politischer Einfluß, Konkurrenz, Übervorteilung, Leistungssport, Extremsport, Kampf — bis hin zum Krieg als ultimativem Orgasmusersatz.

Da ist sie wieder, die Konkurrenz. Das hieße, dass ich mich in diesen Momenten der Eifersucht und des Vergleichs anklage, dass die „Wert“-volle distanzierte entfernte Frau etwas hat, das mir fehlt. Eine alte Oneitis-Erkenntnis: Die Frau gibt mir etwas, was mir im Inneren fehlt, zumindest erwarte ich das unterbewusst von ihr.

Der Konkurrenzgedanke sorgt dann dafür, dass das so bleiben kann, dass ich weiterhin zu ihr aufblicke und sie davor schütze, ihre eigenen Schwächen zu betrachten. Das wäre ja wiederum etwas, was der Muttersohn in seiner Kindheit gelernt hat. Kann es sein, dass das wirklich so absurd ist?


Ein Radio-Interview mit Shantam, einem indischen Tantriker. Das Interview ist in der Audio-Sektion auf seiner Seite zu finden. Das erste Interview, „What Makes a Man?“, stammt von 2008. Darum u.a. geht es:

  • Get your Mother Stuff done.“ Männer müssen mit ihrer Abhängigkeit von der Mutter abschließen, um integer und als Mann leben zu können.
  • Männer-Frauen-Beziehung und was Männer und Frauen für eine gute Beziehung tun können
  • Orgasmusfähigkeit
  • Männer halten zurück, wer sie wirklich sind und : „Men are totally dishonest in all of their relatings out of total fear, they dont say who they are and what they really want and really need, just to be a man. Men are hiding, a man fails because he’s not showing up what he needs to clarify her.
    I want to leave women free
    .“
    Es geht hier darum, wie Männer nicht ausdrücken, was sie wirklich brauchen und wollen. Können sie das nicht, wird es zur Aufgabe der Frau, sich um seine Bedürfnisse zu kümmern, ihn zu bemuttern. Das schwächt ihn, die Frau und seine Beziehung.
  • Klischees: Traditionelle Verhaltensweise für Männer, z.B. aggressiv zu sein und immer Sex zu wollen. Diese Klischees nehmen Frauen und Männern ihre eigentliche Kraft weg.
  • Männer müssen ihre Mutter aus ihrer Persönlichkeit und ihrer Wahrnehmung herausbekommen. Denn als unabgelöster Mann lässt man sich von ihr dämpfen, ignoriert man seine eigene Wahrnehmung und übernimmt die Wahrnehmung seiner Mutter – und meistens hat der Mann auch keinen Vater, denn auch die Väter wurden bereits von ihren Müttern gedämpft.
  • Tone you down teaches you to hate yourself„: Wessen Gefühle gedämpft und verboten werden, lernt, sich selbst zu hassen.
  • Unabhängig werden von der äußeren Meinung: „No compromising with your energy for NOBODY on the planet.“ Heißt das, aggressiv zu sein? Nein, es bedeutet, seine Energie zu kennen, denn sonst kämpft er gegen seine eigene Energie.
  • Wie kann Geschlechtsverkehr heilend wirken? Mit dem Sex zeigt sich alles, was nicht „in tune“ ist.

Das Interview enthält viele interessante Denkanstöße.

Direkter Link zum MP3 ; Dauer: ca. 35 Minuten.


Aus umfangreichen Bemerkungen zum Ödipuskomplex hier ein Auszug:

Bei Abwesenheit der genannten Einflüsse, z.B. wenn ein Kind bei einer alleinstehenden Mutter aufwächst, gibt es kein Abklingen der Zärtlichkeitsgelüste des Knaben bis in die Jugendzeit, wo ihm die Gelegenheit gegeben wird, seine Liebe auf ein Mädchen zu übertragen. Aus der eben dargestellten psychosexuellen Entwicklung ist ableitbar, dass die Inzestneigung nicht an die frühkindliche (sogenannte ödipale) Phase gebunden ist.

Wie auch die Träume von Kindern und Jugendlichen belegen, besteht die Inzestneigung die ganze Kindheit. Die primäre Liebe ist paradigmatisch für alle weiteren Liebesbeziehungen, und nur eine relative Abwehr der primären Libidobesetzung führt zu einer befriedigenden Übertragung auf einen anderen Geschlechtspartner. Mit dieser Übertragungsfähigkeit hat sich die Psyche eine Flexibilität erworben, die grundsätzlich für alle Akte der Sublimierung vorteilhaft ist. Bei Verhaftung an die primäre inzestuöse Bindung würde dem Mann die für ihn günstig erscheinende Dominanz über den Sexualpartner fehlen, da die Mutter ihre von Geburt auf innehabende Macht über das Kind bei inzestuöser Bindung auch bei dem erwachsenen Sohn nicht aufgeben würde, was bei typischen Mutter-Sohn-Fixierungen nachweisbar ist.

Das Ödipustrauma liefert auch diesbezüglich beweiskräftiges Material: Als Ödipus Kenntnis vom Inzest erlangt hat, verliert er seine königliche Macht. Solange er seine Mutter als Gattin betrachten durfte, war ihm der Status des Herrschers garantiert. Ein Sohn aber, der sich von der Mutter nicht gelöst hat, sondern in der infantil-libidinösen Abhängigkeit verharrt, kann nicht Herrscher sein. Von daher ist es wahrscheinlich, dass die strengen Inzesttabus aus dem partiarchalen Machtstreben entstanden sind und das Ziel anpeilen, die Dominanz der Großen Mutter zu untergraben. Im Falle des Geschwisterinzests repräsentiert, tiefenpsychologisch gesehen, die Schwester die Mutter, der Bruder den Vater. Aus der Bedrohung der männlichen Dominanz, die sich in der inzestuösen Verkettung nicht etablieren kann, werden wir auf einen anderen Ursprung des sogenannten Kastrationskomplex verwiesen: Es ist nicht der Vater, der die Abschneidung des Sexualgliedes seines Sohnes androht, des weiteren nicht der Anblick des beim weiblichen Genitale fehlenden männlichen Gliedes, das den Kastrationskomplex auslöst, sondern es ist die durch den Inzest vereitelte Dominanz. Von daher ist es verständlich, dass sich in der pathologischen Realität auch Kastrationskomplexe einstellen, wo nicht im entferntesten ein drohender Abschneider auftauchte.

Die Mutter selbst, beziehungsweise ihre Dominanz, fördert im Kind die Phantasie der Kastration. Es ist auffallend, dass der Homosexuelle erstens eine starke Mutterbindung bei Abwesenheit eines dominanten Vaters erfahren hat, und dass ferner seine Angst vor heterosexuellem Verkehr auf der Vorstellung beruht, dass die Frau eine beißende Scheide habe. Letzteres ist Kastrationsangst, die ganz deutlich Folge mütterlicher Dominanz und nicht väterlicher Kastrationsdrohung ist. Im Gegenteil stellt sich bei väterlicher Dominanz und nachweislicher Kastrationsdrohung keine Homosexualität, sondern männlich dominantes Verhalten ein (natürlich nur, wenn das Maß der Bedrohung innerhalb gewisser Grenzen verbleibt). Die Kastrationsangst kann auch als pervertierter Wunsch, keinen Penis zu haben und dadurch wie die geliebte Mutter zu sein, interpretiert werden. Die Symptome der Homosexualität wären gar nicht verständlich, wenn der Knabe unter dem Bewusstsein stünde, den Vater verdrängt und seine Stelle an der Seite der Mutter eingenommen zu haben. Dann müsste er sich zeitlebens als starker, siegreicher Mann fühlen und als ein solcher nur Frauen begehren, die ihm durch Willfährigkeit diese Dominanz bestätigen. Der Kastrationskomplex entsteht folglich aus der Fixierung an die Mutter. Die unheilvolle Sphinx (Hesiod, Theogonia 326) verkörpert die männerentmachtende Dominanz der Mutter.

Die Bestimmung des menschlichen Daseins ist erst erfüllt, wenn die primäre Liebesbeziehung, die Liebe zur Mutter, überwunden, und die Loslösung so gründlich vollzogen ist, dass nie wieder ein Rückfall in den Mutterschoß entsteht. Das in allen Völkern bekannte Inzestverbot resultiert aus der unbewussten Erkenntnis, dass psychische Entwicklung nur möglich ist, wenn der Loslösungsprozess von der primären Person vollzogen worden ist. Diese Trennung von der Mutter ist ein entscheidender Entwicklungsschritt des Menschen.
Das auffälligste Zeichen verhängnisvoller Abhängigkeit stellt die körperlich erotische Beziehung dar: Aus diesem Grunde bestehen bei allen Völkern Initiationsriten, die in Form harter Prüfungen den Knaben aus mütterlicher Geborgenheit herauslösen: Die Mutter ist das emotional Bannende und damit Gefährliche, der Vater oder seine gesellschaftlichen Repräsentanten das Element, welches Bewusstsein schafft und die Fähigkeit stählt, den mütterlichen Bann aufzulösen.
Die gesamte Demütigung, die sich Ödipus durch die selbstauferlegten Strafen der Blendung, der Thronentsagung und der Verbannung zufügt, spricht für die im pathologischen Bereich immer wieder nachweisbaren Selbstbestrafungswünsche, die sich genau jener Symptome bedienen, welche die psychischen Konflikte markieren. So rühmt sich Ödipus vor dem Zusammenbruch als Deuter des Sphinx’schen Rätsels (Sophokles, König Ödipus 398), ist stolzer Inhaber eines Thrones und Gatte einer großen Königin.

Denn nur in unzweifelhafter Kenntnis darüber, wer die eigene Mutter ist, und bei gelungener Internalisierung des Inzesttabus, ist es möglich, sich der libidinösen Übermacht der Mutter zu befreien. Ansonsten aktualisiert sich der Rückfall in die primäre Liebesbeziehung bei entsprechender Gelegenheit. Alle anderen griechischen Helden fielen nach der ersten Trennung von der Mutter nicht mehr in ihren Schoß zurück. Dass Ödipus diesem Verhängnis erliegt, hängt mit seiner Unkenntnis des Sachverhaltes zusammen. Indem er sich die Augen aussticht, tut er so, als seien sie die Ursache der Unkenntnis gewesen.

Wer seine sinnliche sexuelle Energie (Augenlicht) also abgetötet hat, der ist im Übersinnlichen zu Hause und beschäftigt sich viel mit Deutung und kulturellen Fragen.

Die Vertauschung der Erkenntnis vom Sinnlichen ins Übersinnliche entspricht der Tendenz, die in der Sublimierung sexueller Energie in kulturelle Leistungen waltet. Das Sinnliche ist grundsätzlich das Niedrigere, weil es für kulturelle Ziele nicht in dem Maße geeignet ist wie das Entsinnlichte und Geistige. Nach seiner Blendung und Verbannung aus der Heimat ist Ödipus ein blinder Weiser und hat damit ein im patriarchalen Bewusstsein schätzenswertes Menschenideal erreicht. Denn ein Blinder ist frei von allem äußeren Schein, so dass er zum Seher des wahren Lichtes taugt.


Im Post „Selbstmitleid ist wie in die Hose pinkeln“ sind einige Fragen aufgeworfen worden. Dies ist nun ein sehr viel persönlicherer Post, in dem ich hinterfrage, was passiert, wenn Selbstmitleid mein Verhalten unterschwellig beeinflusst. Kerngedanke war diese Überlegung:

Der Selbstmitleidige hofft indessen immer auf eine Absicherung, jemanden, der ihn schützt, sagt, was zu tun ist. Der Verantwortung für ihn übernimmt und ihn klein sein lässt.

Wie packe ich also die scheinbar kleinen Dinge an, wenn ich etwa selbst unterbewusst immer darauf hoffe, dass jemand für mein Glück und meine Meinung einsteht und mich bestärkt? Letztlich bedeutet das, dass ich meine Angelegenheit zur Angelegenheit von jemand anderem mache. Ich will, dass jemand eine Elternrolle für mich übernimmt. Selbst kleine Entscheidungen versuche ich dann immer abzusichern. Findet der Andere das gut? Was würde er machen, wie würde er die Möglichkeiten gewichten? Das ist aber nicht das, was aus meinen ureigensten Werten gespeist wird. Das ist immer noch die Suche nach Bestätigung im Außen.

Gut, und wie komme ich nun dorthin, dass ich mich ganz auf die eigene Entscheidung und Verantwortung einlasse? Die Vorstellung, sich ganz einzulassen, ohne Sicherheit und Ausrede, ist noch eine angstvolle Vorstellung. Das bedeutet für mich viel Leistung, leisten müssen. Nur wenn es perfekt ist, ist meine Entscheidung eine gute und ich kann die Verantwortung übernehmen. Ob es perfekt ist, bemisst sich an den Reaktionen der anderen, ob sie sich mir zuwenden, oder sich von mir abhängig machen. Dieser Zwang, leisten zu müssen, ist die Kontrollinstanz, an der die Situation gelingt oder scheitert.
Stelle ich mir die Situation vor, in der ich leisten muss und die Verantwortung auf mich nehme, macht mich das ungeheuer traurig. Ich kann einfach nicht vertrauen, dass es gut wird, dass mein eigenes Gefühl ausreichend ist, in der Situation zählt. Lieber schmiege ich mich an und frage und bitte um Bestätigung meines Handelns und Tuns.

Traurig und vertrauen. Zwei Worte, die gleich klingen, etwas gemeinsam haben. Traurig, was ist das? Es kommt von trauern. Man ist in Trauerstimmung. Selbstmitleid ist ebenfalls ein Trauern, ein trauern um sich selbst. Sich trauen und vertrauen hängen zusammen. Ich vertraue den anderen Menschen nicht, dass sie von mir nichts fordern, was ich nicht erfüllen kann. Ich trauere, dass die Anderen mich daran messen, was ich leiste, ob sie mich gut finden. Ich vertraue mir selbst nicht, dass ich die Situation meistern werde. So meistere, dass ich mich nicht klein machen musste. Ich könnte langweiliger sein, uninteressanter, schwächer als andere.

Ich will Eindruck machen, statt mich selbst ausdrücken. Ich glaube daran, dass ich nichts auszudrücken habe. Die anderen könnten schlecht oder unwert finden, was ich ausdrücke, das beschämt mich. Ich schäme mich für den Ausdruck meiner Gefühle. Darum ist mein Begehr „to impress“. Ich will beeindrucken, damit die anderen daran glauben, dass ich nicht-schlecht bin. Nichts zu „expressen“, nichts sagen oder tun, kommt auch dem Nicht-„impressen“ gleich, also nichts geleistet haben. Jemand hatte doch auf mich vertraut, dass ich etwas für ihn leiste, mich für ihn aufgebe, mich ihm hingebe. Damit er sich selbst trauen kann, dass er gut, machtvoll, wertvoll ist.

Diese Anderen könnten mich meiner Freiheit berauben, mich ganz vereinnahmen. Ich will mich ihnen nicht ganz geben, es ist etwa so, wie meine Zeit zu verschwenden, denn von ihnen kann ich meine narzisstischen Bestätigungen nicht erwarten. Sie sollen mir helfen, mir ein gutes Gefühl geben, durch Hilfe, Selbstbestätigung, Unterordnung. Dann ist das Ego bestätigt und hat einen Erfolg, es wurde etwas geleistet. Wenn das nicht klappt, bin ich lieber brav.
Die Zeitverschwendung ist das Gefühl, nichts beitragen zu können, nicht zu zählen. Nur anwesend sein zu müssen, ohne gesehen zu sein, ohne einen Beitrag zu leisten. – Und da ist es wieder, das „Leisten“. Witzig sein für die anderen, eine Rolle spielen für die Anderen, etwas darstellen für die Anderen, etwas sein für die Anderen. Für die Anderen (da) sein, das ist Leistung: Vor ihnen etwas gelten.

Dieser Beitrag hat zwei Teile. Weiter gehts morgen.


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