Mannwerdungsblog

Einfach „Sein“ können, ohne Grund und Ziel

Posted on: 25. September 2010

Reines Sein schreibt über Ziele und Verstand ohne Sinn:

Im Fitneß-Studio hörte ich, wie ein Trainer zu einem neu anfangenden Mitglied sagte: „Dann haben wir jetzt zwar noch kein Programm für eine Dreiviertelstunde zusammenbekommen, aber zumindest wissen wir nun das Ziel: Auf eine Trainingszeit von einer Dreiviertelstunde hinzusteuern.“

Es ist dieses typische Muster: Sich von der eigenen Realität abzukoppeln und etwas vom Verstand her überzustülpen, das dann die Stelle der Realität einnimmt, und zwar so, daß jeder alsbald fest überzeugt ist, dies sei die eigentliche Wirklichkeit. Und die Haupteigenschaft und eigentliche Achse dieser neu projizierten Wirklichkeit ist, daß etwas auf eine andere als die natürlich gegebene Art zu sein hat. Damit sieht es dann so aus, als käme Bedeutung hinein. Einfach nur das zu tun, was gerade anfällt, erscheint dagegen geradezu lächerlich banal, erscheint absurd, bequemlich, dumm und unpassend. Das Ziel, das so gut klingt, daß man sich ihm sogleich widmen möchte, erscheint dagegen interessant und vielversprechend.

Warum trainiert er? Um auf eine Dreiviertelstunde zu kommen. Was ist denn überhaupt eine Dreiviertelstunde? Eine bloße Idee. Zahlen. Ich trete die Pedale des Fitneßgerätes und blicke auf die Anzeige, da steht: 19 km/h. 20 km/h sind aber mein Ziel, also muß ich schneller treten und mich anstrengen. Warum? Weil ich ein Ziel brauche, und dieses Ziel führt mich dahin, daß meine Muskeln wachsen. Warum sollen meine Muskeln wachsen? Damit ich fitter werde, gesünder, dynamischer — damit ich besser aussehe und mich wohler fühle.

Was für ein Schwachsinn, so zu denken! Die Dinge werden nicht getan, weil man sie im Moment tun möchte, sondern sie werden aus sogenannten Gründen getan. Alles wird aus Gründen getan. Wo kein Grund ist, da ist Nirwana, Chaos, die Leere des Sinns und der Lebenslogik — da drohen Wahnsinn, Verirrung, Ratlosigkeit, Untergang.

Die ganze Sache geht bloß vom Kopf aus. Nicht nur hier — das Beispiel ist wirklich sehr banal und erscheint völlig harmlos und nebensächlich. Aber wer hier so denkt, der denkt bei allem anderen auch so! Genau das muß man sich klarmachen und wirklich verstehen.

Wo handele ich nur aus Gründen, nur für abstrakte Ziele? Wo vergesse ich, was ich in diesem Moment überhaupt tun möchte? Wo vergesse ich, was ich möchte, was meine gefühlte Realität ist, und wo lasse ich den Verstand eingreifen?

Ich denke an eine Situation, wie ich versuche, witzig zu sein oder mit einem „Konkurrenten“ mithalten zu können. Der Grund ist, dass ich sonst abgehängt sein könnte, ausgeschlossen. Das Ziel ist, „besser abzuschneiden“ als er, mehr Lacher und mehr Aufmerksamkeit und mehr Bewunderung einzusacken. Ich bin nicht witzig, weil ich das gerade sein möchte, sondern weil es getan werden muss, damit ich „nicht untergehe“ bei den Menschen (oder speziell Frauen), die mir als Ziel wichtig erscheinen. Da ist mein Grund, mein Ziel. Meine Realität ist: ich sitze hier mit mehreren Menschen, ein anderer Typ sagt etwas witziges. Nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht bringt mich das in die Stimmung, auch etwas witziges zu sagen. Vielleicht auch nicht.

Das ist eine grundlegende Überlegung, die anschließt an Impress/Express und auch an die aktuelle Diskussion: Was ist meine aktuelle Realität, mein aktuelles Sein? Ist es für mein Dasein so wichtig, was die Gründe sind, und was mein rational erklärbares Ziel ist?  Für mich ist es wichtiger, die genauen Gefühle zu erkennen, ob mir meine aktuelle Realität Freude macht oder nicht.

Mir hilft es nicht weiter, wenn ich weiß, dass ich jetzt auch etwas Witziges (besser: etwas noch passenderes als er) sagen muss, damit die Frau sich biologisch oder sozial oder wie auch immer an mich gebunden fühlt, damit sie das Interesse nicht verliert. Das ist eine bloße Idee, die mich von dem ablenkt, was gerade anfällt: präsent zu sein.

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1 Response to "Einfach „Sein“ können, ohne Grund und Ziel"

das ist wohl ein syndrom dass jeder schon mal erlebt hat: Man sitzt in einer sozialen Gruppe von Freunden. Einer ist gut drauf und macht einen Knaller Witz nach dem Anderen. Die Menge lacht. Und man selbst wird immer ruhiger und ruhiger, man beginnt die Witze über die alle lachen nicht mehr lustig zu finden, ja man wird neidisch und möchte auch so im Mittelpunkt stehen. Entweder man zieht gleich mit oder man klingt sich aus.
Richtig wäre wohl dem anderen zuzusehen und zu genießen, sodass es einem garnicht auffällt, dass dieser ja nun besser vor den Frauen dasteht oder gar lustiger, das tut er wohl, aber das ist noch lange kein Grund sich selbst minderwertig zu fühlen, weil man nicht der Mittelpunkt ist.

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