Mannwerdungsblog

Der Dominanzverlust durch die Mutterbindung

Posted on: 22. Juni 2010

Aus umfangreichen Bemerkungen zum Ödipuskomplex hier ein Auszug:

Bei Abwesenheit der genannten Einflüsse, z.B. wenn ein Kind bei einer alleinstehenden Mutter aufwächst, gibt es kein Abklingen der Zärtlichkeitsgelüste des Knaben bis in die Jugendzeit, wo ihm die Gelegenheit gegeben wird, seine Liebe auf ein Mädchen zu übertragen. Aus der eben dargestellten psychosexuellen Entwicklung ist ableitbar, dass die Inzestneigung nicht an die frühkindliche (sogenannte ödipale) Phase gebunden ist.

Wie auch die Träume von Kindern und Jugendlichen belegen, besteht die Inzestneigung die ganze Kindheit. Die primäre Liebe ist paradigmatisch für alle weiteren Liebesbeziehungen, und nur eine relative Abwehr der primären Libidobesetzung führt zu einer befriedigenden Übertragung auf einen anderen Geschlechtspartner. Mit dieser Übertragungsfähigkeit hat sich die Psyche eine Flexibilität erworben, die grundsätzlich für alle Akte der Sublimierung vorteilhaft ist. Bei Verhaftung an die primäre inzestuöse Bindung würde dem Mann die für ihn günstig erscheinende Dominanz über den Sexualpartner fehlen, da die Mutter ihre von Geburt auf innehabende Macht über das Kind bei inzestuöser Bindung auch bei dem erwachsenen Sohn nicht aufgeben würde, was bei typischen Mutter-Sohn-Fixierungen nachweisbar ist.

Das Ödipustrauma liefert auch diesbezüglich beweiskräftiges Material: Als Ödipus Kenntnis vom Inzest erlangt hat, verliert er seine königliche Macht. Solange er seine Mutter als Gattin betrachten durfte, war ihm der Status des Herrschers garantiert. Ein Sohn aber, der sich von der Mutter nicht gelöst hat, sondern in der infantil-libidinösen Abhängigkeit verharrt, kann nicht Herrscher sein. Von daher ist es wahrscheinlich, dass die strengen Inzesttabus aus dem partiarchalen Machtstreben entstanden sind und das Ziel anpeilen, die Dominanz der Großen Mutter zu untergraben. Im Falle des Geschwisterinzests repräsentiert, tiefenpsychologisch gesehen, die Schwester die Mutter, der Bruder den Vater. Aus der Bedrohung der männlichen Dominanz, die sich in der inzestuösen Verkettung nicht etablieren kann, werden wir auf einen anderen Ursprung des sogenannten Kastrationskomplex verwiesen: Es ist nicht der Vater, der die Abschneidung des Sexualgliedes seines Sohnes androht, des weiteren nicht der Anblick des beim weiblichen Genitale fehlenden männlichen Gliedes, das den Kastrationskomplex auslöst, sondern es ist die durch den Inzest vereitelte Dominanz. Von daher ist es verständlich, dass sich in der pathologischen Realität auch Kastrationskomplexe einstellen, wo nicht im entferntesten ein drohender Abschneider auftauchte.

Die Mutter selbst, beziehungsweise ihre Dominanz, fördert im Kind die Phantasie der Kastration. Es ist auffallend, dass der Homosexuelle erstens eine starke Mutterbindung bei Abwesenheit eines dominanten Vaters erfahren hat, und dass ferner seine Angst vor heterosexuellem Verkehr auf der Vorstellung beruht, dass die Frau eine beißende Scheide habe. Letzteres ist Kastrationsangst, die ganz deutlich Folge mütterlicher Dominanz und nicht väterlicher Kastrationsdrohung ist. Im Gegenteil stellt sich bei väterlicher Dominanz und nachweislicher Kastrationsdrohung keine Homosexualität, sondern männlich dominantes Verhalten ein (natürlich nur, wenn das Maß der Bedrohung innerhalb gewisser Grenzen verbleibt). Die Kastrationsangst kann auch als pervertierter Wunsch, keinen Penis zu haben und dadurch wie die geliebte Mutter zu sein, interpretiert werden. Die Symptome der Homosexualität wären gar nicht verständlich, wenn der Knabe unter dem Bewusstsein stünde, den Vater verdrängt und seine Stelle an der Seite der Mutter eingenommen zu haben. Dann müsste er sich zeitlebens als starker, siegreicher Mann fühlen und als ein solcher nur Frauen begehren, die ihm durch Willfährigkeit diese Dominanz bestätigen. Der Kastrationskomplex entsteht folglich aus der Fixierung an die Mutter. Die unheilvolle Sphinx (Hesiod, Theogonia 326) verkörpert die männerentmachtende Dominanz der Mutter.

Die Bestimmung des menschlichen Daseins ist erst erfüllt, wenn die primäre Liebesbeziehung, die Liebe zur Mutter, überwunden, und die Loslösung so gründlich vollzogen ist, dass nie wieder ein Rückfall in den Mutterschoß entsteht. Das in allen Völkern bekannte Inzestverbot resultiert aus der unbewussten Erkenntnis, dass psychische Entwicklung nur möglich ist, wenn der Loslösungsprozess von der primären Person vollzogen worden ist. Diese Trennung von der Mutter ist ein entscheidender Entwicklungsschritt des Menschen.
Das auffälligste Zeichen verhängnisvoller Abhängigkeit stellt die körperlich erotische Beziehung dar: Aus diesem Grunde bestehen bei allen Völkern Initiationsriten, die in Form harter Prüfungen den Knaben aus mütterlicher Geborgenheit herauslösen: Die Mutter ist das emotional Bannende und damit Gefährliche, der Vater oder seine gesellschaftlichen Repräsentanten das Element, welches Bewusstsein schafft und die Fähigkeit stählt, den mütterlichen Bann aufzulösen.
Die gesamte Demütigung, die sich Ödipus durch die selbstauferlegten Strafen der Blendung, der Thronentsagung und der Verbannung zufügt, spricht für die im pathologischen Bereich immer wieder nachweisbaren Selbstbestrafungswünsche, die sich genau jener Symptome bedienen, welche die psychischen Konflikte markieren. So rühmt sich Ödipus vor dem Zusammenbruch als Deuter des Sphinx’schen Rätsels (Sophokles, König Ödipus 398), ist stolzer Inhaber eines Thrones und Gatte einer großen Königin.

Denn nur in unzweifelhafter Kenntnis darüber, wer die eigene Mutter ist, und bei gelungener Internalisierung des Inzesttabus, ist es möglich, sich der libidinösen Übermacht der Mutter zu befreien. Ansonsten aktualisiert sich der Rückfall in die primäre Liebesbeziehung bei entsprechender Gelegenheit. Alle anderen griechischen Helden fielen nach der ersten Trennung von der Mutter nicht mehr in ihren Schoß zurück. Dass Ödipus diesem Verhängnis erliegt, hängt mit seiner Unkenntnis des Sachverhaltes zusammen. Indem er sich die Augen aussticht, tut er so, als seien sie die Ursache der Unkenntnis gewesen.

Wer seine sinnliche sexuelle Energie (Augenlicht) also abgetötet hat, der ist im Übersinnlichen zu Hause und beschäftigt sich viel mit Deutung und kulturellen Fragen.

Die Vertauschung der Erkenntnis vom Sinnlichen ins Übersinnliche entspricht der Tendenz, die in der Sublimierung sexueller Energie in kulturelle Leistungen waltet. Das Sinnliche ist grundsätzlich das Niedrigere, weil es für kulturelle Ziele nicht in dem Maße geeignet ist wie das Entsinnlichte und Geistige. Nach seiner Blendung und Verbannung aus der Heimat ist Ödipus ein blinder Weiser und hat damit ein im patriarchalen Bewusstsein schätzenswertes Menschenideal erreicht. Denn ein Blinder ist frei von allem äußeren Schein, so dass er zum Seher des wahren Lichtes taugt.

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