Mannwerdungsblog

Dem Selbstmitleid auf der Spur (Teil 2): Der Weg zum Entscheidenkönnen

Posted on: 10. Juni 2010

Fortsetzung von Teil 1. Im letzten Teil war der Schwerpunkt auf der Beschreibung des Selbstmitleids, nun will ich eher Auswege finden.

Wenn ich mich entscheide, ganz in die Situation zu gehen, mich ganz darauf einzulassen, dann ist da das Gefühl, dass ich ohnehin nichts daraus ziehen kann, also sind mir die anderen fremd, ich ziehe mich lieber zurück, da es mir nichts bringt und ich mich nur unnötig nackt machen muss. Ich bekomme nichts dafür, keine Hilfe, keine Bestätigung. Wenn ich mich öffne, dann sollen sie mir auch was dafür geben. Schließlich trauere ich über mich. Ich muss dieses Gefühl erst ganz gefühlt haben, dann erst kann ich mich öffnen. Erst wenn ich genug gelitten habe, wenn ich den Anderen gezeigt habe, dass ich sie nicht brauche, über ihnen stehe, dass sie mir was angetan haben, Leid angetan, indem sie mir nicht Bestätigung gaben, dann erst ist mein Leid wieder gutgemacht, erst dann werde ich mich öffnen. Die Rache erst, dass sie mich mich vermissen, dass ich so still bin, die lässt sie spüren, dass sie etwas falsch gemacht haben und sich um mich kümmern sollten.

Zurück zur Elternrolle: Was hier geschieht, ist nichts anderes, als dass ich meine Angelegenheit zu jemand anderes‘ Aufgabe mache. Jemand anderes ist für mein Glück verantwortlich. Wie kann ich davon loslassen, dass jemand anderes mich glücklich machen soll? Warum ist es so wichtig, wie wird es weniger wichtig, dass ich zuerst die äußere Absicherung bekomme?
Ich kann etwa meine eigenen Ansprüche verändern: Was exakt macht es perfekt? Ist es überhaupt notwendig, etwas zu leisten? Wie kann ich aufhören daran zu glauben, dass ich etwas leisten muss? Was sind meine Werte, woran richte ich mein Leben aus? Will ich Sicherheit, Freude, Macht? Freude ist der einzige wirklich intrinsische Wert. Ich kann selbst bestimmen, wann ich Freude empfinde, zum Beispiel über Verbindung, Gemeinschaft, Handeln, Bewegung – oder über Freiheit von der Meinung anderer.
Vertraue ich auf die Elternrolle, dann richte ich mich nach den Werten der anderen. Dann handele ich rein reaktiv, also schaue, ob mein Handeln bewertet wird als konform mit der Elternrolle – und ob ich dafür Applaus erhalte.

Was hat es für motivierende Vorteile für mich, auf die Absicherung durch andere zu verzichten? Wie hört man auf, ständig das selbstmitleidige Trauern zu wiederholen und sich in seinem Film vom eigenen Ausgeliefertsein zu bestärken? Der Film des Selbstmitleids ist so stark, es ist wie eine Droge. Das ist stets die einzige Zuflucht gewesen, die man kannte, die Sicherheit gab und gibt. Wird dieser Film unterbrochen, ist man ausgeliefert, dann bricht die Sicherheit ab. Das ständige Nachdenken, „Ruminieren“, tut gut, es hilft, nicht handeln zu müssen, sich nicht beweisen zu müssen, nicht ausgeliefert zu sein. Gehalten, geborgen zu sein.

Handeln heißt Verantwortung übernehmen, den Versuch machen, die Welt zu verändern und für sich selbst, die eigenen Gefühle und Werte, einzustehen. Das wunderbare am Handeln, an dieser vermeintlich schweren Entscheidung, ist es, dass ich mich endlich frei machen kann von der Meinung anderer, dass ich selbst festlege, was gut ist und was schlecht ist. Dass es vielleicht sogar egal ist, ob es gut oder schlecht ist.

Was motiviert mich, die anderen zu sehen? Die Begegnung an sich ist schön, der Austausch, das Erfahren, was andere bewegt, wie sie die Welt sehen. (Vorsicht, hier schleicht sich das Geholfenbekommen ein: Nicht um zu wissen, wie ich sie selbst „besser“ sehen könnte, um mich zu verbessern – sondern einfach so, um zu wissen, was ihnen zugestoßen ist.)
Was motivert mich, zu entscheiden? Ich habe eine offene Frage abgehakt, einen Schritt nach vorne getan. Und wenn es auch noch viele Schritte zum Ziel sind, so ist es doch wenigstens einer. Der Andere kann nicht besser als ich entscheiden, was mein nächster Schritt nach vorne ist. Ich bin dann geborgen darin, dass ich etwas getan habe, das gibt mir die Sicherheit, zufrieden zu sein.

Es ist eine Entscheidung, darauf zu vertrauen, dass ich nur für mich da sein muss, dass ich für mich selbst sorgen darf ohne jemanden im Stich zu lassen, dass niemand für mich da sein muss, damit ich etwas tun darf und kann. Dann kann ich auch entscheiden, dass ich vertraue, glücklich bin, keine Bewilligung meiner Gefühle und meiner Wahl (meiner Entscheidungen) benötige. Ich muss das selbst entscheiden, daran führt kein Weg vorbei: Entscheiden, dass ich selbst etwas gelte, dass ich mir selbst etwas Wert bin, dass ich mir glaube und vertraue.

Vertraue ich mir? Glaube ich mir? Was ist es, dieses Sich-Selbst-Vertrauen? Ist es das Vertrauen, dass man es eines Tages „schaffen“ wird, dass man etwas können wird? Oder dass man etwas darf? Nein, das ist wieder Leistung, externe Bestätigung. Ist es das Vertrauen, dass man selbst seinen Gefühlen glauben darf, dass die eigenen Gefühle sein dürfen? Ja. Wenn die eigenen Gefühle richtig sind, dann kann ich mir vertrauen. Wenn meine Gefühle stimmen, dann kann ich mir selbst glauben. Wie kann ich lernen, meinen Gefühlen zu vertrauen, meiner Entscheidung zu vertrauen?

Ich muss also den Konflikt wagen, dass ich vielleicht nicht derselben Meinung bin wie der Andere. Das sagt noch lange nichts darüber aus, ob wir uns akzeptieren, mögen, lieben. Es sagt nur etwas über die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse und Meinungen aus.

Ich fürchte noch immer, dass jemand anderes die Bedürfnisse besser erfüllt als ich. Dass die Frau von jemand anderem besser bedient wird und meine mir deshalb wegläuft. Dass sie die andere Meinung und daher ebenfalls den Anderen lieber mag als mich. Dass nicht ich zähle, sondern mein Denken und Verhalten, ob es angenommen wird.

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1 Response to "Dem Selbstmitleid auf der Spur (Teil 2): Der Weg zum Entscheidenkönnen"

[…] Dem Selbstmitleid auf der Spur (Teil 2): Der Weg zum Entscheidenkönnen In unseren Blicken erkennen wir Liebe […]

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