Mannwerdungsblog

Dem Selbstmitleid auf der Spur #1: Von Hemmungen und Sicheinlassen

Posted on: 9. Juni 2010

Im Post „Selbstmitleid ist wie in die Hose pinkeln“ sind einige Fragen aufgeworfen worden. Dies ist nun ein sehr viel persönlicherer Post, in dem ich hinterfrage, was passiert, wenn Selbstmitleid mein Verhalten unterschwellig beeinflusst. Kerngedanke war diese Überlegung:

Der Selbstmitleidige hofft indessen immer auf eine Absicherung, jemanden, der ihn schützt, sagt, was zu tun ist. Der Verantwortung für ihn übernimmt und ihn klein sein lässt.

Wie packe ich also die scheinbar kleinen Dinge an, wenn ich etwa selbst unterbewusst immer darauf hoffe, dass jemand für mein Glück und meine Meinung einsteht und mich bestärkt? Letztlich bedeutet das, dass ich meine Angelegenheit zur Angelegenheit von jemand anderem mache. Ich will, dass jemand eine Elternrolle für mich übernimmt. Selbst kleine Entscheidungen versuche ich dann immer abzusichern. Findet der Andere das gut? Was würde er machen, wie würde er die Möglichkeiten gewichten? Das ist aber nicht das, was aus meinen ureigensten Werten gespeist wird. Das ist immer noch die Suche nach Bestätigung im Außen.

Gut, und wie komme ich nun dorthin, dass ich mich ganz auf die eigene Entscheidung und Verantwortung einlasse? Die Vorstellung, sich ganz einzulassen, ohne Sicherheit und Ausrede, ist noch eine angstvolle Vorstellung. Das bedeutet für mich viel Leistung, leisten müssen. Nur wenn es perfekt ist, ist meine Entscheidung eine gute und ich kann die Verantwortung übernehmen. Ob es perfekt ist, bemisst sich an den Reaktionen der anderen, ob sie sich mir zuwenden, oder sich von mir abhängig machen. Dieser Zwang, leisten zu müssen, ist die Kontrollinstanz, an der die Situation gelingt oder scheitert.
Stelle ich mir die Situation vor, in der ich leisten muss und die Verantwortung auf mich nehme, macht mich das ungeheuer traurig. Ich kann einfach nicht vertrauen, dass es gut wird, dass mein eigenes Gefühl ausreichend ist, in der Situation zählt. Lieber schmiege ich mich an und frage und bitte um Bestätigung meines Handelns und Tuns.

Traurig und vertrauen. Zwei Worte, die gleich klingen, etwas gemeinsam haben. Traurig, was ist das? Es kommt von trauern. Man ist in Trauerstimmung. Selbstmitleid ist ebenfalls ein Trauern, ein trauern um sich selbst. Sich trauen und vertrauen hängen zusammen. Ich vertraue den anderen Menschen nicht, dass sie von mir nichts fordern, was ich nicht erfüllen kann. Ich trauere, dass die Anderen mich daran messen, was ich leiste, ob sie mich gut finden. Ich vertraue mir selbst nicht, dass ich die Situation meistern werde. So meistere, dass ich mich nicht klein machen musste. Ich könnte langweiliger sein, uninteressanter, schwächer als andere.

Ich will Eindruck machen, statt mich selbst ausdrücken. Ich glaube daran, dass ich nichts auszudrücken habe. Die anderen könnten schlecht oder unwert finden, was ich ausdrücke, das beschämt mich. Ich schäme mich für den Ausdruck meiner Gefühle. Darum ist mein Begehr „to impress“. Ich will beeindrucken, damit die anderen daran glauben, dass ich nicht-schlecht bin. Nichts zu „expressen“, nichts sagen oder tun, kommt auch dem Nicht-„impressen“ gleich, also nichts geleistet haben. Jemand hatte doch auf mich vertraut, dass ich etwas für ihn leiste, mich für ihn aufgebe, mich ihm hingebe. Damit er sich selbst trauen kann, dass er gut, machtvoll, wertvoll ist.

Diese Anderen könnten mich meiner Freiheit berauben, mich ganz vereinnahmen. Ich will mich ihnen nicht ganz geben, es ist etwa so, wie meine Zeit zu verschwenden, denn von ihnen kann ich meine narzisstischen Bestätigungen nicht erwarten. Sie sollen mir helfen, mir ein gutes Gefühl geben, durch Hilfe, Selbstbestätigung, Unterordnung. Dann ist das Ego bestätigt und hat einen Erfolg, es wurde etwas geleistet. Wenn das nicht klappt, bin ich lieber brav.
Die Zeitverschwendung ist das Gefühl, nichts beitragen zu können, nicht zu zählen. Nur anwesend sein zu müssen, ohne gesehen zu sein, ohne einen Beitrag zu leisten. – Und da ist es wieder, das „Leisten“. Witzig sein für die anderen, eine Rolle spielen für die Anderen, etwas darstellen für die Anderen, etwas sein für die Anderen. Für die Anderen (da) sein, das ist Leistung: Vor ihnen etwas gelten.

Dieser Beitrag hat zwei Teile. Weiter gehts morgen.

Advertisements

2 Antworten to "Dem Selbstmitleid auf der Spur #1: Von Hemmungen und Sicheinlassen"

Mit viel Ahnung und nach dem ersten Lesen: was bleibt, wenn ich nicht mehr beeindrucken muss? Rückzug, nach außen hin Leistungsverweigerung? Wie passt Nicht-Leisten-Müssen in die heutige Gesellschaft?

Hallo Autumn,

Was meinst du mit „mit viel Ahnung“? Dass es dir bekannt vorkommt? oder dass du es erraten musst?

Wenn du nicht mehr beeindrucken musst, dann lauert dahinter die Freiheit, du selbst zu sein. Zu leisten, weil es dir Freude bereitet, weil es deinen inneren Werten und deiner Überzeugung entspricht. Und nicht, weil es gut aussieht, weil es gefordert wird, weil sonst jemand enttäuscht sein könnte. Wollen statt müssen sozusagen.

Es steht dahinter die Frage nach deiner intrinsischen Motivation: Was gibt dir die Kraft, dein Leben zu LEBEN, zu SEIN. Alles andere ist ein Tun, ein Versuch, die anderen zu bedienen. Es hängt mit der Frage zusammen: „To express“ oder „to impress“. Was bleibt, ist „to express“, dich selbst auszudrücken.

Es passt sehr gut in die heutige Gesellschaft, denn du wirst in dieser (und wohl auch in anderen) nur glücklich werden, wenn du dich selbst ausdrücken kannst ohne auf die Liebe und Anerkennung anderer angewiesen zu sein. Das kann aber nur aus dir selbst kommen. Dann bist du auch reif für die heutige (und jede andere) Gesellschaft.

Immerhin ermöglicht diese es mir, darüber nachzudenken, wie ich mich aus dem gesellschaftlichen und familiären Gefängnis befreien kann. So schlecht kann sie also gar nicht sein.

Schreib mir, was du dazu denkst! Hast Du das bei Dir oder jemand anderem auch beobachtet?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Schließe dich 58 Followern an

Social Bookmarks

Share |

Kategorien

Juni 2010
M D M D F S S
« Mai   Jul »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

Die Mannwerdung wurde

  • 191,565 mal besucht.
%d Bloggern gefällt das: