Mannwerdungsblog

Das eigene Handeln und Gestalten stärken

Posted on: 19. Mai 2010

http://www.vssps.de/thema-selbsthilfegruppe/144-selbsthilfe-und-selbsthilfegruppenarbeit-bei-sozialer-angststoerung-drei-hilfreiche-qbausteineq

Die Hemmungen, die man auf der Mannwerdung abzulegen hat, sind vergleichbar mit jenen, die Sozialphobiker bekämpfen müssen. Nicht umsonst zieht sich der ewige Junge gerne zurück und verfällt der Internet- oder Pornographiesucht, oder bleibt ewiger Kiffer oder wird Sexsüchtiger. Hobbies und Freunde sind neben Arbeiten und Beziehung oft verkümmert.

Die Schritte der Sozialphokier sind kein schlechter Weg, um sich aufzuraffen und Rituale und Ordnungen zu finden, die das Innere, den eigenen Weg wiedererkennen lassen.

Baustein B – Handeln und Gestalten unter Menschen

Mit jedem einzelnen Fortschritt in der Annahme der eigenen Angst wächst die Fähigkeit, dort, wo Angst und Vermeidung bis dahin jedes eigene, aktive Gestalten blockiert haben, sich zunächst in Gedanken, dann aber versuchsweise mit kleinen oder mit großen Schritten wieder auf den Weg zu machen.
Es sollte spürbar auch der eigene freie Entschluss sein, nicht nur der Druck eines „ich muss“. Hilfreich ist sicher, wenn die Stimme der Vernunft einem „ich kann nicht“ mit einem „ich sollte es versuchen“ entgegenwirkt. Die Motivation des „ich möchte und ich will“ wird am meisten Kraft geben.

Besteht die Motivation zum „Üben und Konfrontieren“ vorrangig in der Leistungserbringung und Angstüberwindung, der Kontrolle von Gefühlen des Minderwerts, der Ablehnung und Beschämung, so besteht die Gefahr, sich weiterhin von den eigenen lebendigen, kreativen Impulsen abzutrennen.
Hingegen ist ein aktives Handeln, das von einer Motivation der Freude und des Interesses getragen ist, sinn- und identitätsgebend und liefert die Kraft, die immer wieder anstrengende Auseinandersetzung mit der Angst längerfristig auf sich zu nehmen.

Hierzu ein Beispiel: Zwei Menschen mit Sozialer Phobie besuchen einen Vortrag. Beide werden vorher und in der Situation selbst Angst verspüren.

Der eine geht vorrangig mit dem Ziel hin, sich und anderen zu beweisen, dass er so etwas schafft, und um seine Isolation zu durchbrechen.
Der andere besucht den Vortrag hingegen vor allem deshalb, weil ihn das Thema anspricht und er gerne mehr darüber erfahren möchte.

Läuft es für beide Betroffene „gut“, so mag sich der erste entlastet und stolz fühlen, sein Ziel geschafft zu haben. Das ist zwar wichtig, kann aber auch bedeuten, dass er sich künftig bei einer ähnlichen Situation wieder vor denselben Kampf gegen die Angst gestellt sieht. Er wird sich dann erneut zu beweisen haben. Der Blick auf die Angstseite macht ihn für eine nachfolgende „Niederlage“ anfällig.

Der andere dagegen erlebt neben der Angst auch Freude und Einlass auf eine neue Thematik – außerhalb seiner Angst. Dies bringt einen Zugewinn an Lebensfreude mit sich, der nicht immer wieder von Neuem bestätigt werden muss.

Aktives Handeln bedeutet Erleben und Gestalten – und bringt reales Miteinander, Kontakt und Begegnung. Ohne Handeln nehme ich den eigenen Platz nicht ein – weder im Beruf, noch im sozialen Umfeld. Über das aktive Handeln übernehme ich auch Verantwortung für mich und gewinne an Eigenständigkeit: die eigene Kompetenz wächst. Durch das Mitwirken an gemeinsamen Projekten mit anderen bekomme ich von den anderen eine Rückmeldung, übernehme Aufgaben und spüre Solidarität und „Wert“ als Mitmensch.

Das Erleben von realem Erfolg und Misserfolg führt immer wieder zur Realität. Das bedeutet, mit gelungenen und nicht gelungenen Situationen klar zu kommen. Es bedeutet weiterhin, sich realistischen Erwartungen und eigenen Grenzen zu stellen. Überzogene Ansprüche an sich selbst werden korrigiert – das eigene Scheitern auszuhalten, gehört in diesem Sinne zum Erfolg.

Hilfreich ist es vor allem, wenn ich in der Selbsthilfegruppe neue Rollen ausprobieren kann. Bin ich es z.B. gewohnt, stark auf Leistung zu setzen, kann ich versuchen, dieses Verhalten aufzugeben. Bin ich dagegen normalerweise still im Hintergrund, kann ich mich bemühen, Leitungsaufgaben zu übernehmen (z.B. die Gruppenmoderation an einem Abend). Ist meine übliche Rolle die des Helfers, gehe ich auch in die Rolle des Hilfe-Annehmenden, und umgekehrt. Ich kann emotionale Impulse wagen und neue Seiten von mir ausprobieren. Wichtig finde ich insbesondere, dass sich die Zusammensetzung der Gruppe durch neue TeilnehmerInnen auch immer wieder verändert und ich aufgefordert bin, meinen Platz stetig neu in der Gemeinschaft einzunehmen. Dabei ist in Kauf zu nehmen, dass mich dies auch mit meiner Unsicherheit in Berührung bringen kann.

Und ein weiterer Punkt: das Wohlfühlen ohne Bedingungen – das ist wie Liebe ohne Bedingung. Wohlfühlen ist wie eine selbständige Entscheidung. Doch wie bringt man die Kraft dazu auf?

Baustein C – Bedingungsfreies Wohlfühlen
Es entspricht meiner Erfahrung, dass ein Teil der Betroffenen trotz der Bereitschaft, sich mit den eigenen Gefühlen anzunehmen und trotz mutigen „Gestaltens und Handelns“ nur begrenzt Fortschritte empfindet.
Diese SozialphobikerInnen beschreiben oft das Fortbestehen einer inneren Daueranspannung und einer ausgeprägt ängstlichen Grundstimmung. Die auf der Handlungsebene errungenen Erfolge bleiben zwar als Zugewinn erhalten, jedes in Beziehung treten mit anderen Menschen wird aber weiterhin als sehr anstrengend und beschwerlich erlebt – ein steter ängstlicher Neuangang.

Wenn das aktive Handeln und Gestalten auch Erfolg zeigen mag, werden hierbei unvermeidbar tief liegende „alte“ Ängste und existenzielle Verunsicherungen berührt. Frühe traumatische Erlebnisse und Defizite können weiterhin aktiviert und in der Gegenwart wirksam bleiben, so dass sich in der Tiefe keine neue Stabilität ausbildet. Der/die Betroffene fühlt sich trotz aller realen Erfolge weiterhin existenziell stark verunsichert.

Deshalb kann es hilfreich sein, als dritten, gleichwertigen Baustein das „bedingungsfreie Wohlfühlen“ hinzuzufügen.
Wohlfühlen bedeutet in diesem Kontext, mit sich selbst in Einklang zu sein. Bedingungsfreies Wohlfühlen ist unabhängig von einer Vorleistung, Anstrengung, Erfolg oder Anerkennung. Ein solches Wohlbefinden begünstigt ein Selbst-Geborgenheitsgefühl und fördert den Zugang zu einem tiefen inneren Ruhepunkt, an dem ein „inneres Ja“ zu sich und der Welt empfunden werden kann. Dieses Gefühl wirkt auf seine Weise existentiell selbstheilend, stabilisierend und kräftigend.

Vielen Betroffenen fehlt jedoch gerade das Erleben, selbstverständlich und gelassen in der Welt zu sein – ohne sich selbst ständig zu hinterfragen, sich mit anderen zu vergleichen und abzuwerten. Es fehlt ihnen das Erleben von Wohlbefinden in sich und in der Welt, das daraus entsteht, in sich selbst zu Hause zu sein und von dort in die Welt hinaus zu schauen – anstatt sich wie von außen ängstlich-kontrollierend zu beobachten.

Tatsächlich haben viele Betroffene eine Blockade, sich ein Wohlfühlen zu erlauben. Sie sind in der Frage gefangen, ob sie es überhaupt verdient haben. Zugleich bedeutet Wohlfühlen aber auch das Ablegen von Abwehr- und Schutzmauern und stattdessen ein Sich-Öffnen und Sich-Einlassen. Der/die Betroffene kommt dabei wieder mit den eigenen Gefühlen in Kontakt, und dies kann zunächst auch Ängste auslösen, die den Zugang zum eigenen Wohlbefinden vorübergehend erschweren.

Wohlfühlen bedeutet aber kein neues „Kopf“-Programm: „Ich muss mich wohlfühlen, dann geht die Angst weg“, sondern bedingungsfreies Wohlfühlen dient keinem weiteren Zweck – außer, dass es sich gut anfühlt. Es ist nicht zu erzwingen oder festzuhalten.
Wichtig ist beim Aufsuchen dieses ruhigen inneren Ortes auch, dass dies natürlich nicht der Legitimation von Isolations- und Rückzugstendenzen dienen darf. Es geht vielmehr um ein Wohlbefinden mit mir und in mir – gerade auch unter Menschen.

Wohlfühlen auslösen können ganz einfache Dinge. Wichtig ist erstmal, wieder wahrzunehmen, wie es ist, sich wohl zu fühlen. Und auf dieses Gefühl achtsam zu sein, wenn es sich einstellt.
Vielleicht liegt der entscheidende Schritt auch darin, sich sanft neuen Vorstellungen und Gedanken zu öffnen: „Ich brauche nichts zu leisten, um mich wohl zu fühlen; ich habe es verdient, und ich kann es schrittweise wieder lernen und zulassen. Es ist nicht gefährlich für mich, es darf sein. Ich halte es aus, mein Angespanntsein und meine innere Unruhe dabei auch zunächst zu spüren.“
Eigentlich hat jede/r Betroffene seinen ganz persönlichen Zugang zum Wohlfühlen, dieser ist allerdings oft verstellt – vor allem, wenn durch Stresssituationen die Aufmerksamkeit einseitig auf die Angst gerichtet ist.

Wie kann ich bedingungsloses Wohlfühlen in der Selbsthilfegruppe erleben?

Das Erleben und die Erfahrung, dass es sich wieder gut anfühlen kann unter Menschen, war und ist mir persönlich der wichtigste Erfahrungsschritt innerhalb der Selbsthilfegruppe – und vielleicht ist er auch der schwierigste:
Dass ich einfach SEIN kann unter Menschen und mich (schrittweise) sogar wieder wohlfühlen kann, auch ohne etwas dafür leisten zu müssen.

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