Mannwerdungsblog

Kitsch: Die Betäubung des Selbst

Posted on: 15. Mai 2010

Was passiert noch bei der Betäubung des Selbst, wenn man versucht, eine Abwehr dafür zu finden, dass das Bewusste vom Unbewussten übermannt wird?

Aus einer Dissertation über den Kitschmenschen:

Ein „Ich weiß nicht, was ich will“ rührt in der Regel daher, dass das eigene Wünschen nie ernst genommen worden ist, zuerst nicht von der Umwelt, später vom Individuum selber nicht mehr. Ohne Frage führt die Verdrängung der Realität und der eigenen Wünsche früh verwahrloste und deprivierte Menschen häufig zu Kitsch.

Mehr Ungeahntes wird bei dem Thema zu Tage gefördert:

Das Verstricktseins in eine ‚verkehrte Welt’ mit einer nur vagen Vorstellung von sich selber bewirkt die dauernde Versperrung des Zugangs zu primären Gefühlen. Das Individuum hat den Sinn für seine eigenen Bedürfnisse, die eigenen Wünsche und den eigenen Geschmack verloren, oder diese nie erkannt. Unfähigkeit zu Kritik und eigenem Urteil ist auch in der Gesellschaft von Akademikern und Intellektuellen wahrnehmbar. Das Angelernte und Angelesene schützen nicht vor Denkstörungen und Unsicherheit, Schäden durch unklare Erziehung.

Idylle und Betäubung:

Die innere Spannung, welche sich aus Verdrängung ergibt, wird als Sensation umgedeutet. Sie entlädt sich in
der Hektik kurzer Scheinbefriedigungen oder auf der Flucht in artifiziell gestaltete Umgebungen.
Idylle, mit Status-Symbolen ausgestattet, sind beliebt. Die Spannung kann sich auch in beschleunigtem Konsumieren (Gier) oder unsinnigem Erwerben von Material (Kaufzwang) verstecken, in der Produktion und im Erwerb von Kompensationskitsch.

Und noch mehr über Kitsch und Psychologie

Dass die durch kitschige Bilder, kitschige Zustände ausgelösten Regungen Ersatzgefühle sind, wird von den derart Wohlerzogenen begrüßt. Die in Aussicht stehenden Ersatzgefühle bewirken, dass etwas Schmerzendes kaltgestellt wird. Daher kann man den Vorgang mit Betäubung, einer leicht anzuwendenden Narkose vergleichen, von der angenommen wird, sie hätte keine Nebenwirkungen. Das Kaltstellen von Schmerzen und Spannungen scheint das Wahren der Contenance einzig zu ermöglichen. Danach tritt das Abgeschwächte, Nachgeholte, Ähnliche oder Künstliche an die Stelle, an der die eigene Geschichte (auch Schicksal genannt) das Individuum zum Fühlen seiner Wirklichkeit (durch Schmerz, Erkennen, Erfahren) aufgefordert hat. In gerade dieser Verdrehung sieht der Kitschmensch die erfolgreich geratene Erziehung und Selbsterziehung, und anzunehmen, in diesem Verhalten läge Ablehnung der eigenen Geschichte, kommt ihm nicht in den Sinn. Das aber ist psychologisch relevant, und wirft die Frage auf: Wie kommt es, dass Menschen bequem und häufig falsche Gefühle, Betäubungen, von anderen vorgedachte Gedanken ihrem Gefühlten und eigenen Denken – das doch für sie einen Wert darstellen müsste – vorziehen?
In welchem Maße hier möglicherweise die verdrehte Vorstellung eines Prestige eine Rolle spielt, wäre zu untersuchen. Ein anderer möglicher Grund: Die Furcht vor Bestrafung bei Äußerungen des Wahren, des Erkannten. Schon bei den alten Griechen galt, dass Blendung dem Sehenden droht. Ebenso, dass der Überbringer schlechter Botschaften geblendet werden wird.
Das Leugnen von Erkenntnissen und schmerzenden Gefühlen wird vom Kitschmenschen ursprünglich mit Schutz gegen diese verwechselt. Nichtbemerken ein Mittel, Unbillen von ihm fern zu halten.
Der Hang, Situationen, Gegebenheiten zu umgehen oder zu versüßen, kann seinen Grund auch darin haben, dass ein Erkennen einer in Vergleichen sich ergebenden Minderwertigkeit verhindert werden muss. Diese Minderwertigkeit soll nirgends, auch vor dem Kitschmenschen selber, nicht zutage treten.

Und zusammenhangslos noch mehr, was ich gefunden habe: Lust, Freßlust und DDR ist hier übrigens ein Thema.

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3 Antworten to "Kitsch: Die Betäubung des Selbst"

Dieser Blog bringt mich ziemlich ins Wanken. Was ich hier lese geht mir nahe, denn ich erkenn mich selbst darin wieder. So sind doch auch bei mir sehr viele Gefühle verdreht. Sogar beim Lachen , lache ich mit anderen Menschen- und im Hinterkopf spielt sich bei mir nicht der Witz als solcher ab , sondern ein anderer Machtgedanke.

Aber was mir vorallem gerade die Augen geöffnet hat, war die Erkenntnis, was meine Gedanken (+die dazugehörigen Gefühle) an Prestigeobjekte wirklich für einen Hintergrund im Unbewussten haben. So träume ich oft von der Fahrt im Ferrari mit der Rolex an der Hand , wie ich ins 5 Sterne Hotel einchecke……Natürlich sehen die Eltern dabei zu…..

Krasse Erkenntnisse…. Für wen lebe ich eigentlich ? Also sicher nicht für mich selbst –

Ja, Lachen ist eine Form sozialer Macht, ohne Frage. Ebenso wie das „Erobern“ von Frauen – alles dreht sich um Macht, um die Bestätigung des schwachen Selbst. Was dachtest du denn bisher, für wen du lebst?

Es ist wohl wichtig für sich selbst zu leben. Doch leider sind (auch bei mir!) in vielen Köpfen noch die Werte und Normen der Eltern internalisiert. Ich habe mir eine Übung gemacht, bei der ich jeden meiner Gedanken hinterfrage : Ist es mein oder eine übernommene Verhaltensweiße einer Autoritäts-/Elternperson ?
Ich denke dies ist sehr wichtig. Man nennt es auch Abgrenzung. Ein Punkt der zur Männlichkeit unablässlich dazugehört. Kann ich mich nicht von anderen unterscheiden und ich selbst sein und hinter mir stehen, so ist ein Zusammenleben nur schwer möglich, weil sich einer immer aufopfert….

Ich bin am Arbeiten:-)
Reflexion: Oder ist dies der falsche Ansatz ? Arbeit :-/ hört sich so ordinär an …

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