Mannwerdungsblog

Toxische Scham: Wie Nettsein, Kümmern und Perfektionismus aus derselben Quelle kommen

Posted on: 10. Mai 2010

Warum schämt man sich? Und wie gehe ich mit dem ungeliebten Gefühl um? Zur Definition zitiere ich:

Bradshaw (1993) führt den Begriff der toxischen Scham, als Folge besonders traumatischer Schamerlebnisse ein, die sich dann in Familien durch Generationen in einer, zumeist verborgenen oder maskierten Schamhaltung fortsetzen.

Er nennt als Abwehrmechanismen gegen den Schmerz der toxischen Scham folgende Verhaltensweisen:

    • Perfektionismus,
    • Streben nach Macht und Kontrolle,
    • Wut,
    • Arroganz,
    • Kritik und Tadel,
    • Verurteilung anderer,
    • Moralisieren,
    • Verachtung,
    • gönnerhaftes Verhalten,
    • Sichkümmern und Helfen,
    • Neid,
    • Nettigkeit und Gefälligkeit (S. 179).

Diese Verhaltensweisen lenken von der eigenen Person ab und konzentrieren sich auf andere Menschen.

Was sich im Folgenden auf Stottern bezieht, kann auch die Neigung sein, sich zurückzuziehen, Verabredungen platzen zu lassen, einen Plan nicht zu realisieren, sondern weiter zu tagträumen.

Nicht die Scham an sich wirkt toxisch (Bradshaw, 1993), sondern der Rückzug, die Resignation, die Kapitulation des Selbst auf Grund des Stotterns und dessen Begleiterscheinungen.

Was einen vergiftet, ist also das Resignierenmüssen vor dem, was einem zu viel Autonomie verschaffen würde. Wenn ich meine Meinung nicht behalte, meinen Plan nicht durchziehe etc, mich also zurückziehe, dann vergiftet mich die Scham darüber.

Auch hier bleibe ich nicht in meiner eigenen Angelegenheit, sondern beziehe mich auf andere Menschen und hoffe, von meiner eigenen Scham abzulenken und deren Gefühle mir gegenüber beeinflussen zu können.

Und in einem wunderbaren Beitrag aus der Ethikpost wird endlich erklärt, was da bei dieser internalisierten Scham genau passiert:

Wenn jemand schamvoll ist oder sich schämt, dann verbirgt er auf eine womöglich krankmachende Weise seine Gefühle; er selbst empfindet das meist nicht so, denn:

Scham ist uns auf heimlich unheimliche Weise injiziert. Scham macht den anderen mundtot, unterlegen; sie hält ihn in einem bestimmten Entwicklungszustand fest, beispielsweise in dem, immer brav das Kind seiner Eltern zu sein – das ewige Kind.

Auch z.B. der Altachtundsechziger, der immer, sein Leben lang, rebellisch bleibt, oder der junge Mann, der immer wieder protestiert und alles zwanghaft hinterfragt, sind beide ein Produkt dieser Scham. Beide wehren sich ständig gegen die Scham, die sie bei ihren Erziehern oft unbewusst wahrnahmen und nicht hinnehmen wollten; ein ewiger Kampf … Meist geht es nicht um die Sache; es geht um das Muster Scham.

Und mit Bezug auf Bradshaw weiter:

Welche Auswirkungen hat es, wenn Gefühle an Scham gebunden werden? Welche Folgen hat es, wenn z. B. ein Kind in seiner Ursprungsfamilie nicht zornig sein darf? Nicht seine Betroffenheit zeigen darf! Nicht seine wahren Gefühle!
Immer, wenn dieser Mensch im Verlauf seines Lebens zornig sein möchte, schämt er sich.

Scham entsteht also immer, wenn ich etwas zeigen möchte, das ich nicht zeigen darf. Ich schäme mich, wenn ich ihr zeigen will, dass ich mit ihr schlafen will. Wenn ich zu meiner unbeliebten Meinung stehe. Wenn ich meine Ideen umsetze. Denn das alles darf ich nicht zeigen.

Das Prinzip funktioniert so: „Bevor ich frei bin, schäme ich mich eben lieber. Dann bleibe ich brav das Kind der Eltern.“

Nochmal die Ethikpost:

Die Schlafmützenperson ist vielleicht eine Schlafmütze, weil sie sich schämt, topfit und hellwach zu sein. Ihre Eltern hatten diesen hellwachen Geisteszustand „vorlaut“ genannt und ihr verboten, so zu sein. Irgendwann hat die Schlafmützenpersönlichkeit es aufgegeben, „vorlaut“ (= hellwach) zu sein. Nun halten alle sie für eine Schlafmütze. Sie selbst sich auch; sie schämt sich, „vorlaut“ zu sein.

Noch eine Replik auf die Feuchtgebiete, wo auch toxische Scham thematisiert wird.

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14 Antworten to "Toxische Scham: Wie Nettsein, Kümmern und Perfektionismus aus derselben Quelle kommen"

„Scham verhindert die Verantwortung für die eigenen Gefühle.“ lernte ich von einer mir sehr wichtigen Person.

Eine andere mir nahestehende Person erklärte mir vor dem Hintergrund von eingebundenen Kindheitsmustern: „Und die gute Nachricht ist, die Kindheit ist vorbei.“ Okay. Die Erkenntnis ist das eine, die tatsächliche Ablösung ist das andere, vorallem wenn ich lese, wo überall Missbrauch verübt worden sein kann. Dann wird mir ganz übel.

„Scham verhindert die Verantwortung für die eigenen Gefühle.“ Ein guter Satz, danke dafür.
Was da passiert, ist ja folgendes: Immer, wenn ich zornig bin, hellwach, mutig, frech, männlich, anpackend, abgrenzend, immer dann verhindert die Scham, dass ich zu diesen Gefühlen stehen kann. Weil das innere Kind sich schämt, diese „verbotenen“ Gefühle zu hegen. Es glaubt, diese Gefühle seien nicht gut. Es verleugnet sie. Es schämt sich. Es steht nicht zu diesen Gefühlen und übernimmt daher keine Verantwortung für sie.
Die Scham ersetzt also das eigentliche Gefühl. Das Gefühl bleibt in mir, aber ich zeige nur das, was erwartet wird, die Scham sorgt dafür. Die Scham passt also auf, dass ich mit den Eltern identifiziert bleibe, das denke, was sie denken. Denn die Eltern können die „rebellischen“ Gefühle des Kindes nicht verantworten.

wiedermal super auf den Punkt gebracht @mannwerdung.
Die Frage die ich mir gerade auf mich bezogen stelle ist, wenn man dieses Muster des verbergens seit Jahren eingeübt hat (unbewusst) wie bekommt man es dann wieder raus? Will jetzt hier nicht irgentwie negativ/depressiv rüberkommen oder so , aber ich stell mir das schon schwer vor. Wenn ich manche Menschen auch sehe, die gar keinen Gefühlszugang mehr haben. Wenn die Gefühle schon ganz verkappt sind.

LG

Wow, welch großartiger Blog!

@K……: indem du das, was du versuchst zu verbergen, umarmst, anstatt es zu verbergen. Das klingt paradox, fast nicht realisierbar, aber so konnte ich zumindest kleinste positive Veränderungen an mir feststellen. Ich stehe noch ziemlich am Anfang der Arbeit mit meinem inneren Kind, aber ich habe das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Buchtip 1: http://www.bookbutler.de/compare?isbn=9783548357317

Buchtip 2: http://www.bookbutler.de/compare?isbn=9783548745435

Hi jayzee,

Das freut mich, dass du etwas mit diesem Blog anfangen kannst! Danke für deinen Kommentar und die Buch-Tipps zu „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ und dem Arbeitsbuch. Hast du das Buch gelesen? Und wie funktionieren die Übungen?

Inzwischen denke ich, dass das innere Kind zwar eine gute Verständnishilfe für die inneren Prozesse ist, allerdings davon ablenkt, was ich konkret in meinem Leben selbst machen kann. Denn am Ende bestimmt nicht irgendein Kind, was ich mache oder nicht, sondern ich selbst kann und muss mich jeden Moment entscheiden. So kann ich mich nicht vor der Verantwortung drücken und das Kind verantwortlich machen.

Hallo mannwerdung.

Vielen Dank für deine Antwort!
Ja, ich habe das Buch gelesen und ich stimme dir zu, die Lektüre und die Beschäftigung mit dem „inneren Kind“ haben mir geholfen, innere Prozesse besser zu verstehen.

Vielleicht darf ich das genauer erläutern. Ich bin 32 Jahre alt und seit vielen Jahren fühle ich mich dominiert von Schüchternheit, toxischer Scham, soz. Ängsten, Depressionen, isolativem Verhalten, Entscheidungsunfähigkeit, Scheu vor Verantwortung etc. und der daraus resultierenden Motivation, dagegen etwas zu tun.

So bin ich vor 2 Jahren auf Andreas Winter und seinen Ansatz „Heilen durch Erkenntnis“ gestoßen und habe bei ihm ein so genanntes Coaching gebucht. Dieser vierstündige Termin, dessen zentrales Element eine Traumabehandlung war, hat vieles verändert. Klarheit, Ganzheit, Glück, eine unglaubliche Energie, eine tiefe Verbindung mit allen anderen Menschen waren zu spüren. Sämtliche genannten Einschränkungen waren wie aufgehoben. Für circa 4-5 Tage 🙂 Anschließend war wieder alles wie vorher. Und ich war ratlos.

Erst durch dieses Buch habe ich verstanden, dass mein innerer Erwachsener während der Behandlung Verantwortung für das innere Kind übernommen hatte, den Schmerz aus dem ursprünglichen Trauma erkannte und zuließ und dem inneren Kind tröstend beiseite stand. Die über Jahre getrennte Verbindung „inneres Kind – innerer Erwachsener“ als Quelle des Glücks war damit für den Moment wieder hergestellt, bis ich aufgrund von Unwissenheit das Kind zunehmend sich selbst überließ und wieder als treuloser Erwachsener auftrat. Damit kam die Trennung zurück, und mit ihr die psychischen Probleme.

Du hast geschrieben: „Denn am Ende bestimmt nicht irgendein Kind, was ich mache oder nicht, sondern ich selbst kann und muss mich jeden Moment entscheiden.“

Genau hier liegt das Problem. Denn bei mir bestimmt leider eben doch das verlassene innere Kind und sendet Hilfeschreie wie Depressionen und Ängste aus, die ich aber stets nur versucht habe zu vermeiden, anstatt zu verstehen. Erst wenn ich aus einer liebevollen Erwachsenenposition heraus agiere und mich meinem inneren Kind voller Vertrauen zuwende, um von ihm zu lernen, wird die Trennung überwunden und Heilung möglich.

Und warum mache ich das dann nicht? – Könnte man nachfragen. Auf mich allein gestellt ist es schwierig für mich, ich übe leider nur zaghaft, daher beginne ich in den nächsten Tagen eine Inner-Bonding-Therapie (unter Begleitung) auf die ich mich sehr freue.

Hi Jeyzee,

danke für deine offene Antwort und deinen Bericht. Ich denke, dass für langfristige Veränderungen langfristige Arbeit notwendig ist, darum ist meiner Erfahrung nach eine Langzeittherapie (Verhaltenstherapie) das effektivste, um die vorhandenen Denkmuster, die zu den ganzen bedrückenden Gefühlen führen, aufzubrechen. Es freut mich, dass du mit der Therapie einen weiteren Schritt gemacht hast, dein Leben nicht mehr weiter auf Autopilot zu leben. Kannst ja zwischendurch mal berichten, wenn du magst.
Hast du dir mal die überarbeitete Buchliste angesehen? Dort fällt mir u.a. das Buch „Depression ist keine Krankheit“ zu dem, was du beschreibst, ein.
Das wichtige ist: du hast in schon einmal erfahren, dass du ein klarer, energiegefüllter Mensch bist. Das ist ein wichtige Ressource.

Ich denke, man kann nur Veränderungen herbeiführen im Leben, im Äußeren, oder andere oder Dinge annehmen wie sie sind, wenn man sein Selbst , sein Inneres wahrnimmt, spürt, Dinge, die zusammen hängen, Freude, aber auch Bedürfnisse und erlittene Defizite u. a. und erkennt und wie das alles wirkt auf unsere Emotionen, unser Fühlen, Handeln, Reagieren und mehr. Natürlich entscheidet man selbst, aber dieses innere Kind ist das Selbst. Unser Inneres macht uns aus. Denke ich. Welchem Namen man dem gibt, ist da vielleicht eher zweitrangig. Lg morgenrot

http://lyrikundgedanken.wordpress.com/2012/05/24/neue-sichtweise-auf-sein-selbst-2/

Hallo mannwerdung,

vielen Dank für deinen Hinweis. Gern melde ich mich mal wieder. Alles Gute!

Hi, aber was macht man, wenn man an sog. narzisstisch gefärbte Menschen gerät, die Schwächen sozusag. gegen einen verwenden und diese Scham triggern?
Da kann ich dann meine Schwäche nur zum sog.Selbstschutz verbergen, und ist das dann unehrlich?

Inzwischen sehe ich das etwas differenzeirter. Die Scham ist etwas, das in dir selbst entsteht. Es mag sein, dass es Leute gibt, die dir verbal oder körperlich zusetzen, um dir Schwächen einzureden. Du kannst nun überlegen, ob das, was du für eine Schwäche hältst, wirklich eine ist. Solange du das selbst denkst, wird dir immer jemand zusetzen können. Und solange du dich zusätzlich den anderen Menschen aussetzt, die deine Scham triggern, zeigt das eher, dass du noch etwas besser für dich selber sorgen darfst. Letztlich zwingt dich niemand, dich mit denjenigen abzugeben oder ihrer Geschichte über Dich zu glauben.
Zwei Buchtipps:

  • Byron Katie – Ich brauche deine Liebe – ist das wahr?
  • Liv Larsson – Wut, Schuld und Scham – drei Seiten derselben Medallie

Ich hoffe, das hilft weiter.

Hi, vielen Dank, das ging ja richtig schnell.
Das zweite Buch interessiert mich durchaus.
Lg und einen schönen Tag. 😉
S.

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