Mannwerdungsblog

Selbstmitleid als Flucht vor der eigenen Scham

Posted on: 8. April 2010

Wozu gibt es Scham? Die Psychologie weiß, dass sie „in zwischenmenschlichen Kontakten Grenzen setzt, die dem Schutz der eigenen Individualität dienen. Mit der Entwicklung des Selbstwertgefühls ist eine Regulierung von Nähe und Distanz zu unseren Bezugspersonen möglich. Und genau an dieser Grenze haben bei Menschen, die von grosser Scham betroffen sind, viele Grenzverletzungen stattgefunden.“

Selbstmitleid und Scham hängen fest zusammen. Selbstmitleid ist eine gute Methode, die Scham auf jemand anderen abzuwälzen: Man muss die Scham nicht mehr selbst fühlen, sondern kann den Anderen (zum Beispiel Partner, die Kinder) für sich denken und fühlen lassen.

Von allen negativen Gefühlen empfinde ich diese beiden als mit die Übelsten. Scham hat so etwas total Selbstablehnendes/Selbst Anklagendes und das dazugehörige Selbstmitleid macht es noch mal schlimmer. Totale Hilflosigkeit, Wehrlosigkeit, gleichzeitig eine passiv-aggressive Art des sich Entziehens vor der Eigenverantwortung. Sich selbst verkleinern, um nicht zu sich selbst stehen zu müssen. Der Zweck scheint zu sein, ein irgendwie geartetes Identitätsgefühl aufrecht zu erhalten, auch wenn der Preis der ist, dass man sich selbst hasst. Lieber sich selbst hassen, lieber Opfer der eigenen Unzulänglichkeiten sein, als gar nichts zu sein. (Link)

Schämt sich der Familienvater dafür, dass seine Frau sich ihm gegenüber sexuell verschließt, dann kann er seiner Familie gegenüber den Depressiven heraushängen lassen. Die Söhne oder besonders sogar die Tochter ist darin aufgefordert, sich besonders um ihn zu kümmern und die Nähe zu geben, die er von seiner Frau nicht bekommt. Die Scham über die Verlassenheit von seiner Frau muss er dann nicht fühlen und nicht an sie denken, allein seine Kinder sind dann dafür zuständig, ihm Nähe zu geben. Diese denken und fühlen dann seine Frustration und Traurigkeit.

Briendl beschreibt, „was Scham in der extremsten Form beinhaltet: das Gefühl, gefangen und gefesselt zu sein, das Gefühl der Versteinerung und Ausweglosigkeit.“ Und wir erfahren, woher sie kommt:

Scham ist, wie Wurmser sagt, „die verhüllte Begleiterin des Narzissmus“ (1997, 24). Sie taucht
besonders in solchen Familienbeziehungen auf, deren Mitglieder verstrickt sind in gegenseitige
Entwertungen, Verheimlichen oder Manipulationen. D.h. wenn die persönliche Grenze oder
Integrität des Einzelnen nicht respektiert wird.

Hier ein passendes Buch: Miriam Moschytz-Ledgley: Trauma, Scham und Selbstmitleid. Vererbtes Trauma in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“

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4 Antworten to "Selbstmitleid als Flucht vor der eigenen Scham"

…und Scham wird bekanntermaßen mit Narzissmus, Prestigeobjekten(Kitsch) und nach außen gerichtetem Selbstvertrauen kompensiert.

Bekanntermaßen? ist das so? Wieso ist es logisch, dass ich nur auf mich selbst bezogen bin, wenn ich Scham empfinde?

Scham ist ein Weg, für sein Handeln und Denken nicht die Verantwortung zu übernehmen, es abzuwerten, nicht anzunehmen. So, oder so ähnlich erklärte es mir meine Therapeutin.
Ich ducke mich weg, ziehe mir sinnbild die Decke über den Kopf, um Reaktionen auf mein Handeln nicht aushalten zu müssen.

Das ist eine gute Erklärung. Wenn ich mir vor Augen halte, wann ich mich geschämt habe oder wann mir etwas peinlich war, dann war es genau das: Ich wollte die Reaktionen des Anderen nicht aushalten müssen und habe quasi die Position des Anderen übernommen, indem ich mich selbst schlecht mache.

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