Mannwerdungsblog

Muttersöhne – Kriegermänner

Posted on: 16. Dezember 2009

Wie kommt es, dass wir unseren inneren Krieger aufgeben? Das Werkblatt schreibt in einem längeren Artikel unter anderem darüber.

Je stärker die Macht der Mutter erlebt wird, desto schwieriger wird es für den Sohn, sich von der Mutter zu lösen. Und wenn die Mutter auch noch von ihrem Mann enttäuscht und in ihrem Sohn einen Ersatz-Mann suchen sollte, dann sind die Widersprüche, mit denen sich der Sohn konfrontiert sieht, besonders schwer aufzulösen: Die Mutter wünscht sich, dass der Sohn – anders als der schwache Vater – ein großer starker Mann werden soll; und doch soll er Alleinbesitz der Mutter, ihr Kind, also klein bleiben. Freud hat diesen Widerspruch von Stimulierung und Hemmung der Männlichkeit in einer Studie über Leonardo da Vinci angesprochen. Über Leonardos Mutter heißt es dort: „So nahm sie nach der Art aller unbefriedigten Mütter den kleinen Sohn an Stelle ihres Mannes an und raubte ihm durch die allzu frühe Reifung seiner Erotik ein Stück seiner Männlichkeit.“

Der Vorgang beginnt früher und ist auch die Quelle des Madonna-Huren-Komplexes:

Freuds Metaphern überzeugen oft, noch bevor sie exakt verstanden worden sind. Das ist auch bei den Metaphern Kastrationsdrohung und Kastrationsangst der Fall. Kastrationsangst sei eine „Realangst“, heißt es bei Freud, eine „Angst vor einer wirklich drohenden oder als real beurteilten Gefahr“ (1926, S. 137). Um dieser Angst zu entgehen, gebe der Sohn die Masturbation und damit den bewussten Wunsch auf, die Mutter so wie der Vater zu besitzen: sexuell. Dieser nun verbotene Wunsch wird in eine Schattenwelt gedrängt, in der er sich mit dem Bild der Mutter als Hure – der Frau, die mit dem Vater sexuell verkehrt – verbindet. Im Wachbewusstsein bleibt die Mutter als Heilige – die Frau, die den Sohn versorgt – erhalten. Mit dieser Aufspaltung des Mutterbildes geht die Aufspaltung des Begehrens des Sohnes in eine sinnliche und in eine zärtliche Strömung einher. Wo sexuelles Begehren war, ist zielgehemmter Wunsch geworden. Nun gelten die Konstruktionen der asexuellen mütterlichen Liebe und der sexuellen Unschuld des Sohnes. Damit kann sich der Sohn in der Beziehung zur Mutter sicher fühlen. Doch mit Beginn der Pubertät kehren die alten Konflikte zurück. Welches Bild gilt jetzt – das der Frau als Heilige oder das der Frau als Hure?

Nun haben wie den Salat: Wir sind asexuell geworden und kennen Frauen als sexuelle Wesen nur in einer untergeordneten Rolle. Sobald wir eine Frau wirklich von ganzem Herzen lieben möchten, werden wir gehemmt und sehen die Frau als Heilige, die über uns steht.

Er muss diese Hemmungen durcharbeiten, will er eine Frau, die er so achtet, wie er die Mutter geachtet hat, auch noch anders als die Mutter – nämlich sexuell – besitzen. Zu diesem Zweck muss er Abwehrhaltungen modifizieren und flexiblere Normen akzeptieren. Gelingt dies nicht, bleiben Hemmungen erhalten, die sich auf das sexuelle Erleben und Verhalten des Mannes auswirken. Unspezifische Vermeidungshaltungen (‚Flucht vor dem Weib’), symptomatisch umgrenzte Störungen (psychische Impotenz, Ejaculatio praecox), Ausleben sexueller Wünsche in der Phantasie bei gleichzeitig schüchternem Verhalten Frauen gegenüber in der Realität, schließlich ‚perverses’ Agieren im Verkehr mit einem ‚erniedrigten Sexualobjekt’ sind die Folgen.

Diese Folgen dürften vielen nur allzu bekannt sein. Daher ist es auch Unsinn, wenn man sich die Schwiegermutter vorstellt, wenn man zu früh kommt oder Viagra einwirft. Das Drama ist nur in unserem Kopf!

Dieser Umstand ist nur ein Symptom dessen, was in uns vorgegangen ist: Wir haben unseren inneren Krieger aufgegeben:

Während sich der Sohn vom Vater bedroht fühlt, wird er von der Mutter mit dem Bild des Vaters bedroht. Der Sohn fürchtet sich nun vor der drohenden Kastration durch den Vater – und wird von der Mutter (psychisch) kastriert. Zur Angst vor der drohende Kastration kommt so die Scham wegen der bereits vollzogenen Kastration hinzu. Der böse Sohn ist nun zum braven Sohn geworden, der sich aus Angst vor dem Vater in die Arme der Mutter geflüchtet hat, die ihn vor dem Vater schützen soll. Es ist also die auf das Bild des Vaters verschobene Macht der Mutter, die den Sohn in die Arme der Mutter zurückgetrieben hat. Damit schließt sich der Kreis. Es ist eine Bindung entstanden, die Bowlby (1976) – in einem anderen theoretischen Zusammenhang – Angstbindung genannt hat.

Gibt es einen Weg zurück? Der Artikel schlägt folgendes vor:

Unter der Überschrift „Weibliches in Männliches verwandeln: Männlichkeitsrituale in Papua Neuguinea“ (1991) haben sie die Mittel beschrieben, mit deren Hilfe es gelingt, aus Muttersöhnen Kriegermänner zu machen.

In den Stammesgesellschaften Papua Neuguineas (vgl. Bohle 1990, Gilmore 1991) wachsen die Kinder während des ersten Lebensjahrzehnts in einer sehr engen Beziehung zu ihren Müttern auf. Die Väter leben aus Angst vor den Frauen die meiste Zeit im Männerhaus und fehlen deshalb weitgehend bei der Erziehung der Kinder. Kommt ein derart ‚vaterlos’ aufgewachsener Sohn dann aber in die Pubertät, wird er der Mutter abrupt entrissen. Aus dieser traumatischen Trennung resultieren Angst, Wut und Verzweiflung. Der Hass wird nun aber nicht etwa gegen den Vater gerichtet, der das Kind der Mutter entrissen hat; vielmehr wird er auf die Mutter gelenkt, die der Vater nun als unreines, mit dämonischen Kräften ausgestattetes Wesen darstellt, vor dem sich Männer in acht zu nehmen hätten. Diese Mahnungen richten sich gegen den Wunsch des Sohnes, bei der Mutter zu bleiben oder gar wie die Mutter zu werden. Der Sohn hält nun Abstand zu den Frauen und schützt sich vor der ‚Weiblichkeit’ in sich selbst mit einem Wall aus Verachtung gegenüber allem ‚Weiblichen’. Am Ende dieses Initiationsprozesses, in dessen Verlauf die Söhne einen symbolischen Tod erleiden und – im Kontext homosexuellen Verkehrs vom Ejakulat der Männer befruchtet – neu geboren werden, steht eine rigide zur Schau gestellte Männlichkeit, die nicht auf schrittweise vollzogener Ablösung und Ent-Identifizierung von der Mutter (vgl. Greenson 1968), sondern auf Angst vor Regression und Abwehr regressiver Wünsche beruht.

Diesen Weg halte ich auch für unstimmig, dennoch zeigt er eins auf: Es geht kein Weg an der Ablösung von der Mutter vorbei!

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