Verfasst von: mannwerdung Am: 21. Juni 2010
Willst du gelten, mach dich selten. Ein angeblich effektives mittel, um seinen sozialen Wert zu steigern. Allzu oft trägt man dieses Verhalten auch in seine engsten sozialen Beziehungen hinein, oft auf subtiler Ebene. Das kann gut nach hinten losgehen und zu Vereinsamung und keinen echten Kontakten führen. Sein.de schrieb schon 2002 von Abgrenzung in Beziehungen.
Im weiteren Zusammensein mit dem geliebten Menschen schleicht sich dann in der Regel so etwas wie Abhängigkeit ein. Wir glauben, den anderen zu brauchen. Die Angst, er/sie könnte sich entfernen oder uns gar verlassen, bringt Eifersucht, Besitzansprüche, emotionale Erpressung, Vorwürfe, Verurteilungen etc. auf den Plan. Wir werden vorsichtig, misstrauisch und unlebendig und überlassen unserem Verstand mehr und mehr die Führung. Je nach Temperament und Konditionierung der Beteiligten wird die Beziehung, die uns anfangs so beflügelt hat, zu einem Schauplatz von Konflikten und Verletzungen oder zu einem sorgsam abgesicherten Arrangement mit dem Charakter einer Zweck-WG. Ob uns das gefällt oder nicht: Es liegt in der Natur der Sache, dass in einer intimen Liebesbeziehung unsere tiefsten und am meisten abgewehrten Gefühle und Ängste wach werden.
Die Gefühle, die uns zeigen, wie und wann wir abhängig werden und zu viel fühlen als wir glauben aushalten zu können, versuchen wir dann zu verleugnen. Das tun wir durch Abgrenzung. Das kann das nicht-richtig-hinhören sein, das flirten mit und träumen von einer anderen Frau, das Vergraben in Arbeit oder Freizeitaktivität. Wenn wir es tun, nich sind, sondern damit eine Abgrenzung erreichen wollen, dann ist es eine Abwehr:
Abgrenzung ist letztlich nichts anderes als ein Abwehrmechanismus, der uns davor bewahrt, zu viel und zu intensiv zu fühlen. Die Abgrenzung wird praktisch wie ein Riegel vor die schwer zu ertragenden Gefühle geschoben. Ich grenze mich von dir ab, damit ich meine Abhängigkeit nicht so spüre. Du grenzt dich von mir ab, um nicht das Gefühl der Ohnmacht zu erleben, das sich einstellt, wenn ich mich anders verhalte als du es möchtest. Wir grenzen uns ab, indem wir uns mit anderen verabreden, für räumliche Trennung sorgen, oder indem wir in die innere Emigration gehen.
…
Als kleine Kinder haben wir alle die Abhängigkeit in extremer Form erlebt. Wurden wir innerhalb dieser Abhängigkeit nicht in ausreichendem Maß geliebt, geschützt und abgesichert, so speichern wir alles, was nach Abhängigkeit klingt oder schmeckt, als negativ und bedrohlich ab.
Wann aktiviert sich bei dir die Abhängigkeit? Was triggert deine Angst vor Abhängigkeit? Ist es die Art und weise, wie sie deine Nähe sucht, wie sie sich dir öffnet?
Folgende Vorschläge gibt sein.de für die Frage der Abgrenzung und der Gefühle dahinter – eine Sichtweise, die Vielen sicher auf den ersten Blick fremd sein wird:
Unser Vorschlag ist, Beziehungen in erster Linie als hervorragendes Medium zu begreifen, um wacher und bewusster zu werden! Das Erleben “unangenehmer” Gefühle wie Angst, Abhängigkeit, Ärger, Missgunst usw. gehört hier natürlich dazu. Die Chance für Heilung liegt nicht im Entkommen durch Abgrenzung, sondern im Annehmen und Fühlen von allem, was in mir auftaucht.
Die Energie, die ich vorher investiert habe, um meinen Gefühlen zu entkommen oder sie meinem Partner überzustülpen, habe ich jetzt zur Verfügung, um meine innere Entschlossenheit zu nähren, dem Leben ohne Kampf zu begegnen. Und das bedeutet nicht, zu allem Ja und Amen zu sagen. Es bedeutet vielmehr, dass ich Verantwortung für mich und auch für meine Beziehung übernehme. Stellen wir uns, als kleines Experiment, beim Lesen des folgenden Zitats aus “Gespräche mit Gott” von D. Walsh unsere tiefsten Ängste vor: “Du kannst nicht verändern, was du nicht akzeptierst. Die Sache, der du dich widersetzt, die bleibt bestehen. Was du dir anschaust, das verschwindet. Das heißt, es verliert seine illusionäre Form. Du siehst es als das, was es ist. Was du leugnest, kannst du nicht beeinflussen, denn du hast behauptet, dass es nicht da ist. Deshalb hat das, was du leugnest, Kontrolle über dich. Der schnelle Weg der Evolution beginnt mit dem Eingeständnis und Akzeptieren dessen, was ist und nicht dessen, was nicht ist.” (“Gespräche mit Gott”, Bd. 3, S. 195)
Ist das nicht eine reizvolle Einladung? Lasst uns aufeinander zugehen, ungeschützt, unvorsichtig, mit unserer Verletzlichkeit, eben mit allem, was ist.
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